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Solingen / Hückeswagen: Gericht beantragt im Gipserbeil-Prozess Unterbringung in Psychiatrie

Urteil im Gipserbeil-Prozess : Gericht beantragt Unterbringung in Psychiatrie

Ein 35-jähriger Hückeswagener hatte seinen in Solingen lebenden Vater mit einem Gipserbeil eine schwere Kopfverletzung zugefügt. Statt eine Haftstrafe auszusprechen, wurde der Angeklagte als nicht schuldfähig angesehen.

(mis) Wie urteilt ein Gericht, das einen schwer am Kopf verletzten Vater als Zeugen im Rollstuhl sieht, ein Gipserbeil aus der Asservatenhülle als Tatwaffe begutachtet und dann auch noch die Eintragungen im Bundeszentralregister nach der Entwicklung zu einer solchen Tat durchsucht ?

Darin zu lesen: Die kriminellen Verfehlungen eines Angeklagten, der über Jahre hinweg zurückgezogen und unauffällig gewirkt, und dann unter Alkohol in einer Kneipe gegen Polizisten randaliert haben soll. Dazu soll der Hückeswagener in einer Disco nach der Zurückweisung einer Annäherung mit Schlägen reagiert und versucht haben, in seinem neu gekauften Auto eine 18-Jährige von der Straße weg zu entführen. Wine Bratpfannenattacke und weitere Angriffe gegen die Eltern waren nicht erwähnt.

Wussten die behandelnden Ärzte in einer ihn behandelnden psychiatrischen Klinik überhaupt von diesen Vorkommnissen? Oder sahen sie nur das Offensichtliche: einen in sich gekehrten, inaktiven jungen Mann, der keine Widerworte gab, tagelang auf dem Bett lag und friedlich den Stimmen in seinem Kopf lauschte ? „Die Stimmen hätten ihn nicht gestört, sie hätten ihm auch nichts befohlen“, ließ der Angeklagte über seinen Anwalt mitteilen.

Nur kurz konsultierte Psychiater hatten hingegen deutliche Anzeichen einer fortschreitenden Schizophrenie gesehen und schon in den Jahren ab 2007 eine konsequente Behandlung empfohlen. Der Angeklagte soll sich jedoch widersetzt und die Medikamente abgesetzt haben. Stattdessen soll er sich über Jahre hinweg ins Halbdunkel einer Parallelwelt zurückgezogen haben.

Von ihm selbst hatte die Klinik Marienheide, in die er sich selbst eingewiesen hatte, jedenfalls keine Informationen aus dem Vorstrafenregister bekommen. Auch diagnostisch fing man dort augenscheinlich fast bei Null an. Und das bei einem Patienten, der stillschweigend nicht nur jede Mitwirkung verweigerte, sondern sich am Vortag der nun angeklagten Tat auch noch selbst entließ. Gegen den Rat der Ärzte – aber wegen seines unauffälligen Verhaltens hatte man offenbar nur wenig Gefahr für die Familie gesehen.

Das rechtsmedizinische Gutachten einer vom Gericht hinzugezogenen Psychiaterin sah das nun anders. Demzufolge könnten „verschobene Realitäten“ unter dem Radar ahnungsloser Beobachter zu explosiven Eruptionen führen. Weil der Angeklagte niemanden teilhaben lasse an seiner Krankheit, seien Stimmungsänderungen nicht auszuloten – darunter hat jetzt der in Solingen lebende Vater zu leiden, den der 35-Jährige mit dem Gipserbeil attackiert hatte.

Das Bekenntnis des Angeklagten kurz nach der Tat gegenüber der Polizei, er habe „die Kontrolle verloren“ scheint mit Blick auf seine Rückzugstendenzen eine seltene Ausnahme gewesen zu sein – und ein Hilferuf. Das Gericht folgte der Sachverständigen, die eine paranoid halluzinatorischen Erkrankung als Auslöser der Tat sah und den Angeklagten als nicht schuldfähig ansah. Die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus wurde angeordnet.