Solingen: Handwerksbetriebe müssen Aufträge ablehnen

In Solingen werden schon Aufträge abgelehnt: Handwerk ist zu 85 Prozent ausgelastet

Herbstumfrage der Handwerkskammer Düsseldorf zeigt: Viele Aufträge und zu wenig Personal lassen die Preise steigen. Ausbildungsplätze bleiben oft unbesetzt.

„Hervorragend“: So bezeichnet die Handwerkskammer Düsseldorf die wirtschaftliche Lage ihrer Mitgliedsbetriebe im Herbst 2018. 63 Prozent der an der Umfrage beteiligten rund 1300 Firmen (von 59.000) berichten über eine gute Situation. Und obwohl der Geschäftsklimaindex von 136 auf 130 zurückging, bedeutete das immer noch den zweitbesten Wert seit Beginn der Messung vor 45 Jahren.

Im Wirtschaftsraum Bergisches Land gab der Index ebenfalls auf 130 nach (von 134 bei der Frühjahrsumfrage). Die Geschäftslage wird aber sogar etwas besser als im Kammerschnitt beurteilt. Auch die Auslastung der Unternehmen ist mit 85 Prozent (Frühjahr: 78 Prozeht) leicht höher; die Aufträge reichen im Bergischen für 8,8 Wochen (Kammerbezirk: 8,3).

Hochkonjunktur herrscht trotz der lang anhaltenden Sommerhitze weiter im Baugewerbe. „Die Nachfrage ist nach wie vor so groß, dass wir nicht alle Anfragen bedienen können“, sagt Kai Buschhaus. Der stellvertretende Kreishandwerksmeister errichtet unter anderem ein neues Wohngebäude für die Heimstatt Adolph Kolping sowie eine Halle für ein Solinger Unternehmen und baut Immobilien um. Dass Buschhaus Aufträge ablehnen muss, liegt auch am fehlenden Personal: 30 Prozent der befragten bergischen Handwerker können offene Stellen nicht besetzen (Frühjahr: 25 Prozent, Herbst 2017: 19 Prozent).

Die Probleme fangen bereits bei der Besetzung von Lehrstellen an. „Alle laufen nur mit dem Gedanken Studium herum“, berichtet Kai Buschhaus von einer Veranstaltung in der Realschule Vogelsang, wo sich sechs Innungen den Schülern der Abgangsklassen vorstellten: „sechs Gewerke, null Nachfrage“. Auch der Versuch, Flüchtlinge einzuarbeiten, sei gescheitert – weil sie nur eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung hatten oder keine Arbeit aufnehmen durften. Dazu kam die Sprachbarriere, die durch das Fachvokabular noch einmal ein Stück angehoben wurde.

Kunden, die trotz des Facharbeitermangels einen Handwerker finden, haben ein anderes Problem: 35 Prozent der befragten Bergischen haben die Verkaufspreise angehoben; 30 Prozent glauben, dass es weiter nach oben geht. Von sinkenden Preisen berichten nur vier Prozent der Umfrage-Teilnehmer. „Seit der Euroeinführung haben sich die Baupreise mehr als verdoppelt“, nennt Kai Buschhaus ein Beispiel. Alleine im vergangenen Jahr habe die Steigerung sieben bis acht Prozent betragen – was aber auch an einer „besonderen Lohnerhöhung von weit über fünf Prozent“ und um fünf bis zehn Prozent erhöhten Materialkosten gelegen habe.

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Ob der Boden eines Handwerksbetriebs eher aus Blatt- oder Massivgold besteht, hängt auch stark von der Branche ab. „Nur noch 26 Prozent der Werkstatt- und Autohandelsunternehmen erwartet in den kommenden sechs Monaten Umsatzsteigerungen“, heißt es bei der Handwerkskammer.

Im Frühjahr hatte noch fast jeder zweite Befragte an Zuwächse geglaubt. Eingetrübt hätten sich auch die Erwartungen und Einschätzungen der Gesundheitshandwerker. Ein schlechteres Klima herrsche trotz „weiterhin hervorragender Lageeinschätzung“ auch bei den industrienahen Handwerken für den gewerblichen Bedarf. Investiert wird laut Handwerkskammer momentan vor allem bei den Lebensmittelgewerben. Dabei gehe es um niedrigere Energiekosten und die Erneuerung der Fuhrparks.

Wer dafür einen Kredit aufnehmen muss, hat im Kammerbezirk inzwischen bessere Karten: „Die Kreditpolitik der Banken wird seit Herbst 2017 zunehmend besser bewertet.“

Im Wirtschaftsraum Bergisches Land, wo 27 Prozent der Befragten Geld aufnahmen, gibt es aber kein klares Bild: Jeweils ein Drittel der Betroffenen hält die Vergabepraxis der Banken entweder für entgegenkommend, normal oder restriktiv.

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