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Solingen: Gute Unternehmenskonzepte sichen die Nachfolge

Interview Thomas Grigutsch : Gute Konzepte sichern Firmen-Nachfolge

Der Geschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer für die Bereiche Starthilfe und Unternehmensförderung/Zentrale Dienste, Thomas Grigutsch, hilft bei der Unternehmensnachfolge.

In Solingen wie im Bergischen sind viele Unternehmen klein- und mittelständisch strukturiert. Darunter sind insbesondere Familienbetriebe. Was passiert, wenn diese Firmen keine Nachfolger finden, sei es in der Familie oder aber unter Führungskräften innerhalb des Unternehmens?

Grigutsch Der Verkauf des Unternehmens an einen Externen, sei es eine Führungskraft oder einen Mitbewerber, ist eine dritte, häufig genutzte Alternative. Ungefähr in einem Drittel der Fälle erleben wir dieses Szenario. Da blutet natürlich meist das Herz der Familie noch mehr. Aber hier geht es ja auch um den Erhalt der Arbeitsplätze und alles ist besser, als ein gesundes Unternehmen nicht fortzuführen.

Wie viele Unternehmen in der Region sind mangels Nachfolge bereits vom Markt verschwunden?

Grigutsch Diese Frage kann man so tatsächlich nicht beantworten. Natürlich gibt es auch Unternehmen, deren Konzept sich vielleicht schon seit längerer Zeit nicht mehr wirklich trägt und die Unternehmer/innen aber keine Alternative zur Fortführung gesehen haben. Man mag mit einer Videothek oder einem besonderen Fachgeschäft viele Jahre gut verdient zu haben. Aber wenn dann die Übergabe ansteht, wird sich keine Nachfolge finden. Das ist dann keine gescheiterte Unternehmensnachfolge, sondern völlig normaler Teil unseres Wirtschaftssystems. Innerhalb der Gruppe der Unternehmen, die in die „Jahre gekommen sind“, gibt es dabei alle Abstufungen, von „nicht mehr tragfähig“ bis „top in Schuss“.

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Das heißt, gut aufgestellte Unternehmen finden leichter einen Nachfolger?

Grigutsch Unsere Erfahrung ist tatsächlich: Wenn das Konzept auch für die Zukunft wirtschaftlich Erfolg verspricht, wird auch in den allermeisten Fällen eine Nachfolgelösung gefunden. Der Weg ist dann manchmal steinig, aber mit Weitsicht und guter Vorbereitung erfolgversprechend.

Gibt es denn Schätzungen darüber, wie viele Firmen in unserer Region einen Nachfolger suchen?

Grigutsch Wir gehen über alle Wirtschaftszweige grob von rund 500 Unternehmen im Jahr aus, bei denen im Bergischen eine Übergabe ansteht. Da sind aber eben dann auch die Unternehmen dabei, für die sich aus wirtschaftlichen Gründen keine Nachfolge finden. Übrigens sind rund 25 Prozent aller Unternehmer/innen zum Zeitpunkt der Übergabe schon über 70 Jahre alt. Jeder zehnte sogar über 80 Jahre.

Gibt es in diesem Zusammenhang eine Hochrechnung über den Verlust von Arbeitsplätzen?

Grigutsch Diese Frage muss man zusammen mit der offenen Frage nach der Anzahl der gescheiterten Unternehmensübergaben sehen. Scheitert zum Beispiel die Übergabe einer Gaststätte, auch weil sich vielleicht das Konzept überlebt hat, gehen zudem natürlich Arbeitsplätze verloren. Möglicherweise entsteht an gleicher Stelle aber eine neue Gaststätte und es entstehen wieder neue Arbeitsplätze. Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, seriös Zahlen zu nennen.

Welche Unterstützung bietet die Bergische Industrie- und Handelskammer ihren Mitgliedsunternehmen bei dem Vorhaben, für eine geeignete Nachfolge im Betrieb zu sorgen?

Grigutsch Wir betreiben mit Partnern die bundesweite Nachfolgebörse www.nexxt-change.org, beraten zu Förderprogrammen, damit potenzielle Nachfolger den Kaufpreis stemmen können und helfen bei der Erstellung von Nachfolgekonzepten. Wir sind dabei keine Steuer- oder Unternehmensberater, sondern mehr eine Art Guide, der hilft, alles in der richtigen Reihenfolge auf die Schienen zu setzen.

Was halten sie in diesem Zusammenhang für besonders wichtig?

Grigutsch Das Wichtigste ist dabei immer noch das persönliche und einfühlsame Gespräch mit den abgebenden Unternehmerinnen oder Unternehmern. Oft sind zum Beispiel die Vorstellungen zum Verkaufspreis völlig überhöht. Da muss man aber auch Verständnis für haben. Das Unternehmen ist das eigene Baby, das man großgezogen hat und außerdem auch oft die eigene Altersvorsorge. Hier muss man vorsichtig Hinweise geben, wie man mit anerkannten Verfahren zu einer realistischeren Einschätzung kommt. Bei einer internen Familiennachfolge kann es auch mal sein, dass man mit beiden Generationen an einem Tisch sitzt und eher eine Art Moderator ist. Untersuchungen zeigen, dass 42 Prozent die Nachfolge zu spät angehen und 40 Prozent zunächst einen überhöhten Kaufpreis fordern.

Finden die IHK-Angebote bei den Unternehmen Anklang?

Grigutsch Na klar! Die IHKs unterstützen bei der Unternehmensnachfolge schon seit vielen Jahrzehnten. Es ist dann auch toll zu sehen, wie sich die nächste Generation im Unternehmen schlägt und wie es dann wieder von vorne losgeht. Ab einer bestimmten Größenklasse wird oftmals natürlich auch direkt auf das eigene Netzwerk zurückgegriffen. Da werden wir dann auch gar nicht gebraucht. Das ist aber auch gut so und wenn es konkrete Einzelfragen gibt oder ein neutraler Rat gebraucht wird, dann sind wir gerne da.

Steht das Thema Unternehmensnachfolge gegenüber früher mehr im Fokus und worauf führen Sie das zurück?

Grigutsch Bei uns war das eigentlich immer schon ein wichtiges Thema. Aber es ist sicher noch wichtiger geworden, weil der demografische Wandel auch hier eine Rolle spielt. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand und treffen auf immer weniger potenzielle Nachfolger. Die haben dann auch noch die Auswahl zwischen einem vermeintlich sicheren Konzernjob oder dem Risiko, ein Unternehmen zu übernehmen. Aber, wie gesagt, wenn das Konzept passt, findet sich meist auch eine Nachfolge.

Auf der anderen Seite gibt es im Bergischen eine sehr aktive Gründerszene mit vielen kreativen Ideen junger Leute. Kann man potenzielle Firmengründer mit alteingesessenen Unternehmen zusammenbringen, um so zu versuchen, Firmen und Arbeitsplätze zu retten?

Grigutsch Die beiden Themen sind zwei Seiten einer Medaille. Eine tolle Gründung kann auch die Übernahme eines bestehenden Unternehmens sein. Man kann auf etwas aufbauen, arbeitet mit erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen und hat idealerweise die letzte Generation noch eine Zeit beratend an der Seite. Die Kommunikation zwischen den Generationen läuft dabei schon jetzt auf vielen Ebenen. Man muss nur mal sehen, wie viele „gestandene“ Unternehmer zu den Pitchpartys kommen. Sie suchen da nicht direkt nach der eigenen Nachfolge, sondern wollen helfen und selbst die spürbare Kreativität für sich nutzen.