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Solingen: Gutachter sieht im Kindsmordprozess verminderte Schuldfähigkeit

Prozess um fünffachen Kindsmord in Solingen : Gutachter sieht verminderte Schuldfähigkeit

Im Prozess um die Solinger Kindermorde hat der von den Verteidigern bestellte psychiatrische Gutachter der Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt.

Der Verteidiger hatte zuvor einen Auftragsmord durch einen der Kindsväter in Erwägung gezogen. Dazu hatte er auch noch behauptet, dass  – entgegen der Aussage der Staatsanwaltschaft – am Tatort männliche DNA gefunden worden sei. Nun will er die Gutachterin vom Landeskriminalamt vorladen lassen, die das aus seiner Sicht bestätigen werde.

Dass der 16. Verhandlungstag im Prozess der wegen des Mordes an fünf ihrer sechs Kinder angeklagten Mutter aus Solingen inmitten einer solch „aufgeheizten“ Gemengelage turbulent werden könnte, war absehbar gewesen. Dass die spürbar aufgewühlte Stimmung nun ausgerechnet dem psychiatrischen Sachverständigen entgegenschlug, den die Verteidigung selbst mit der Begutachtung der Angeklagten beauftragt hatte, darf man dennoch als unglücklich bezeichnen. Die seitens der Staatsanwaltschaft geäußerte Vermutung: Der Gutachter habe beim Medea-Syndrom aus Wikipedia abgeschrieben.

Zum Hintergrund: Sich bei Kindstötungen auf die Tragödie der Medea zu beziehen, die aus Rache an ihrem Intimpartner die gemeinsamen Kinder tötete, ist mit Blick auf „Kindsmorde“ ein gängiger Erklärungsansatz in der forensischen Psychiatrie. Auch der Gutachter hatte sich auf solche Expertisen von Kollegen bezogen.

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Als Prozessbeobachter hatte man eher den Eindruck, dass der von der Verteidigung beauftragte Gutachter das auszubaden hatte, was der Anwalt der Angeklagten zuvor durch seine Beweisanträge  bei der Staatsanwaltschaft an Widerstand ausgelöst hatte

Auch die beisitzende Richterin hatte berechtigte Fragen an den Sachverständigen vor allem auch danach, wie der vermeintlich strukturierte Ablauf der Tat mit der zuvor festgestellten verminderten Schuldfähigkeit zu vereinbaren sei. Dass sie dann aber gesagt haben soll, der Gutachter würde die Angeklagte pathologisieren und sie absichtlich als krank darstellen, rief erneut Verteidiger Thomas Seifert mit dem nächsten Befangenheitsantrag auf den Plan: „Damit wird unterstellt, absichtlich ein falsches Gutachten erstattet zu haben.“

Aus seiner Sicht sei damit ausgesprochen worden, dass das Gericht dem Sachverständigen gegenüber voreingenommen gewesen sei. Bis zum nächsten Verhandlungstag soll über den Befangenheitsantrag entschieden werden. Sollte die Verteidigung damit durchkommen, müsste der Prozess neu aufgerollt werden.

Schlussendlich hatten auch noch der vom Gericht bestellte, psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann etliche Fragen an den von der Verteidigung geladenen Gutachter-Kollegen. Faustmann hatte in seinem Vorgutachten die volle Schuldfähigkeit der Angeklagten festgestellt. Die Verteidiger hatten schon zum Prozessbeginn dessen „schablonenhaftes“ Vorgehen bemängelt, ein Ablehnungsantrag war gescheitert.

Nun legte der Verteidiger-Gutachter nochmal nach und konfrontierte Faustmann mit seiner Sicht der Dinge: Der habe es sich leicht gemacht mit seinem Gutachten und einfach nur ICD-Diagnosen gegenübergestellt, um dann zu erklären, dass es nicht reiche für die verminderte Schuldfähigkeit.

Das ICD-10 dient der Einordnung psychiatrischer Diagnosen, quasi als Schubladensystem. Psychiatrische Gutachter sind gehalten, sich daran zu orientieren, um die Frage nach der Schuldfähigkeit nicht zur Beliebigkeit geraten zu lassen. Und dennoch läuft es oft so: Schublade auf – die Kriterien für eine Depression sind erfüllt – Schublade zu. Gelingt das nicht, wird es schwierig mit Angeklagten wie der Kindsmutter aus Solingen, über die Gutachter Thomas Schwarz sagt: „Ich habe ein solches Verhalten bei Kindsmörderinnen in 40 Jahren als Forensiker noch nicht erlebt. Da stehe ich als Gutachter ehrlich gesagt auf dem Schlauch.“

So etwas eingestehen zu können, sollte ein hohes Gut sein. Auch in einem Gerichtssaal, in dem mit Blick auf die Schuldfähigkeit erwartet wird, dass die Seele eines Menschen in Schubladen passt. Dass das nicht immer gelingt, mag eine Erkenntnis eines Verhandlungstages sein, an dessen Ende von Verteidiger Thomas Seifert zu hören war: „Das Leben richtet sich nicht nach Diagnosen.