Solingen: Günter Hindrichs hat gut eine Million Briefmarken

Aufderhöhe : Vom Markensammler zum Brief-Freund

Günter Hindrichs hat rund eine Million Briefmarken zusammengetragen. Am Donnerstag dankten ihm die Philatelisten.

Zehn Millionen Mark Briefporto? Schüler Günter Hindrichs war fasziniert. „Wir kannten eigentlich nur den Hindenburg-Sechser und den Hindenburg-Zwölfer“, sagt der heute 89-Jährige. Als er während des Zweiten Weltkriegs Altpapier bei Solinger Firmen abholen musste, stießen er und Klassenkameraden aber auch auf Briefe aus der Inflationszeit und auf Marken aus dem Ausland. Die Sammelleidenschaft war geweckt. Hindrichs: „Ich habe mich schlau gemacht. Die Marken gingen bis 50 Milliarden.“ Und sie halfen ihm sogar in der Schule bei Geografie und Geschichte: „Es gibt nichts auf der Welt, was nicht auf Briefmarken dargestellt werden kann. Kein anderes Hobby spiegelt so umfangreich Geschichte und Zeitgeschichte wider.“

Gestern Nachmittag wurde Günter Hindrichs in der Gaststätte Haus Rüdenstein geehrt, weil er selbst ein Stück Geschichte geschrieben hat – als langjähriger Geschäftsführer und „Seele“ des Vereins für Philatelie und Postgeschichte Solingen 1903. „Er hat über 30 Jahre sehr erfolgreich die Geschicke des Vereins bestimmt und ihn nach außen vertreten“, lobt der Vorsitzende Stefan Meisen das Ehrenmitglied: „Sein Einsatz und sein Wirken für den Verein kam auch seiner Heimatstadt Solingen zu Gute und brachte ihm überall Anerkennung und hohe Wertschätzung.“

Beispielsweise 1997 durch die Sondermarke zum 100-jährigen Bestehen der Müngstener Brücke. „Für sie habe ich schwer gekämpft“, berichtet der Aufderhöher. Denn für die 60 Sondermarken im Jahr des Jubiläums wurden mehrere hundert Vorschläge eingereicht. Hindrichs: „Mit fast 148 Millionen erreichte ,100 Jahre Müngstener Brücke‘ dann eine der höchsten Auflagen, die eine deutsche Briefmarke je hatte.“

Dass die Solinger Philatelisten dagegen mit ihrem Vorschlag für eine Sondermarke zum 100. Geburtstag von Altbundespräsident Walter Scheel kein Gehör fanden, wurmt den früheren Leiter der Revisionsabteilung der Stadt-Sparkasse: „Das Kapitel ist für mich noch nicht abgeschlossen.“ Weil es keine offizielle Marke gab, legten die Solinger Philatelisten eine „Briefmarke individuell“ auf (siehe Info).

Der Verein hat trotz fehlendem Nachwuchs immer noch 140 Mitglieder und zählt im Landesverband zu den größten. Was rät Hindrichs angehenden Sammlern? „Wer anfängt, der sollte zunächst alles sammeln, was er bekommen kann. Das erweitert den Horizont. Danach sucht man sich ein Spezialgebiet.“ Denn die Markenflut ist enorm, ganz zu schweigen von den vielen Erscheinungsformen.

„Ich kann nicht sagen, wie viele Briefmarken ich habe“, erzählt der Sammler, der sich später auf Deutschland, Österreich, die Niederlande und die Schweiz konzentrierte. In der Schule war er der Erste, der tausend Marken zusammen hatte. „Für eine Briefmarke lief man auch ein paar Kilometer weit.“ Hindrichs archivierte sie mit Hilfe brauner Klebestreifen in Schulheften. Auch an die 5000er-Schwelle kann er sich noch erinnern. Heute „könnten es eine Million Marken sein. Wir haben einige hundert Alben.“ Und natürlich auch die erste englische Briefmarke, die Black Penny von 1840, und das erste bayerische Postwertzeichen von 1848, den Schwarzen Einser.

Wobei Günter Hindrichs und seine Ehefrau Karin nicht nur Marken sammeln. „In der Fachliteratur wird geraten, Briefmarken nicht mehr abzulösen. Ein Brief sagt viel mehr aus.“ Einige zehntausend Briefe und Karten werden es sein, die das Paar zusammengestellt hat – unter anderem Feldpost von Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Hindrichs: „Da laufen einem heute noch Schauer über den Rücken.“ Auch die Geschichte der Zeppeline, speziell der Weltrundfahrt 1929, möchte Hindrichs gerne noch dokumentieren.

„Was die Wenigsten wissen: Nach der Rhein Ruhr Post 2003 bin ich angesprochen worden, ob ich mich in die Öffentlichkeitsarbeit des Bundes Deutscher Philatelisten einschalten wollte“, blickt Hindrichs zurück. Als damals 73-Jähriger hielt er sich für zu alt. Die Arbeit für den Solinger Verein setzte er aber noch lange fort. „Ich habe ein Leben lang Freude an der Sache gehabt“, betont der gestern Geehrte. „Es hat mir viel gegeben. Wenn man in einem Verein ist, hat man als Sammler ganz andere Möglichkeiten. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gerne schon früher als 1989 eingetreten.“

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