Solingen: Fest versprüht Hoffnungsfunken

Nordstadtfest in Solingen : Fest versprüht Hoffnungsfunken

Tausende feierten am Samstag beim Nordstadtfest mit und bewiesen, wie bunt der Stadtteil ist. Die Sorge um die Zukunft ohne Fördergelder allerdings ist bei Händlern, Ehrenamtlern, Politikern und Anwohnern greifbar.

Jörg Becker sitzt zufrieden an seinem Verkaufsstand vor seinem Haus an der Augustastraße. „In unserer Gesellschaft ist alles so anonym geworden“, sagt er, „keiner schwätzt mehr.“ Am Samstagnachmittag nehmen sich die Menschen die Zeit zum „Schwätzen“. Das gilt für die Anwohner, die in ihren Garagen Tee und Kekse anbieten, die Kleidung, alte Bücher, allerhand Hausstand verkaufen und ins Gespräch kommen.

„Heute kennen sich die Menschen hier, sie fangen an sich zu duzen“, sagt Becker. Das sei früher ganz anders gewesen. Aber weil der kleine, liebevolle Flohmarkt längst viele Freunde in Solingen hat und zu den Glanzpunkten des jährlichen Nordstadtfestes gehört, sind die Nachbarn in den vergangenen Jahren zusammengerückt. Der VdK backt Waffeln, eine Dame bietet mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich am Mittag durch die Wolken trauen, Eis an und der albanische Verein verkauft Köstlichkeiten und lädt die Menschen zum Gespräch ein. „Wir sind hier wirklich integriert“, sagt Shake Osmanaj-Januzi vom Vorstand, „und trotzdem bringen wir unsere eigene Identität mit.“ Und von dieser Identität wollen sie den Menschen erzählen und so ein Teil des bunten Ganzen werden. Am Nachmittag flitzen dann die Kinder mit ihren Bobbycars die Augustastraße hinunter – und zaubern das nächste Lächeln auf die Gesichter der Anwohner.

„Aber“, sagt Jörg Becker dann, „das alles darf nicht über die Probleme dieses Viertels hinwegtäuschen.“ Und dann denkt er an die sozialen Spannungen, an den florierenden Drogenhandel. „Darüber spricht niemand“, sagt er. Ein paar Meter weiter, auf dem Walter-Scheel-Platz, spricht jemand genau darüber: Anja Plugge vom Bürgerverein „Bunte Nordstadt“. Die Ehrenamtlichen haben auf dem Platz wie viele Händler, Kitas, die Awo und das Rollhaus ihre Zelte aufgeschlagen und sorgen mit bunten Ballons für Feststimmung. „Aber natürlich schwebt heute über allem die Frage: Wie geht es weiter?“, sagt Plugge. Die Fördergelder, die in den vergangenen Jahren viele architektonische und damit auch gesellschaftliche Veränderungen in der Nordstadt bewirkt haben, sind ausgeschöpft. „Wir haben Angst davor, dass nun alles wird wie früher“, sagt Plugge und erinnert an Gewalt, Drogen und Spannungen. „Wir sind doch noch mittendrin in einem guten Prozess“, ergänzt die Ehrenamtliche, aber das können wir nicht alleine stemmen.“ Und deswegen appelliert sie an die Händler, an die Politik, an jeden Einzelnen im Viertel, Präsenz zu zeigen und sich zu engagieren. „Wir brauchen das Quartiersmanagement“, sagt sie und hofft auf die Politik.

Die Jüngsten toben als Pippi Langstrumpf auf der Bühne. Foto: Theresa Demski

Die ist am Samstagmorgen zur Eröffnung auf dem ehemaligen Rathausplatz optimistisch. „Hier muss und hier wird es weitergehen“, sagt Erster Bürgermeister Ernst Lauterjung und erinnert an den Ratsbeschluss, der ein klares Signal für finanzielle Unterstützung gegeben hat. So viel habe sich in der Nordstadt in den vergangenen Jahren getan, ruft er den Menschen zu. Und Dirk Mähler, Händler in der Nordstadt, kündigt später an, an diesem wichtigen Scheidepunkt ein neues Bündnis unterstützen zu wollen, auf dessen Schultern künftig Engagement und Finanzierung zum Erhalt der Gemeinschaft und des Lebens in der Nordstadt liegen – er baue dabei auch auf Politik und Ehrenamt. Währenddessen erwarten die Eltern vor der Bühne den Auftritt ihrer Kinder. Ohnehin zeigen die kulturellen Angebote auf dem Festplatz an diesem Tag einmal mehr, was in der Nordstadt steckt: Die Jüngsten tanzen als Pippi Langstrumpf über die Bühne, es gibt Musik aus vielen verschiedenen Kulturen und dazu weht ein Duft nach bunten Köstlichkeiten über den Platz, der Mut machen will.

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