Solingen: Dummejungen-Streich mit ernsten Folgen

Landgericht : Ein Dummejungen-Streich und die Folgen

Opfer eines Messerstichs hatte viel Glück, erkennt aber auch eigene Fehler und eine positive Veränderung.

Sollte man diesem nächtlichen Dummejungen-Streich, der vor drei Jahren zu einer Messerstecherei und damit einer Beinahe-Katastrophe eskalierte, irgendwas Positives abgewinnen können? Hörte man dem heute 23-jährigen Opfer und auch den Zeugen aus dessen Clique im Landgericht Wuppertal zu, dann kann man das bejahen.

Die Ausgangslage: Eine Geburtstagsfeier mit Freunden, zu viel Alkohol und dann ein Filmriss. „Ich war da nicht mehr so charmant“, gab das Opfer zu. Die Folge: Rausschmiss der Clique, eine Laterne bekam den Zorn ab, dann gemeinsames Torkeln über die Merscheider Straße. Dort fand das spätere Opfer offenbar Gefallen an den geschlossenen Rollladen eines Hauses. Erst klopfen, dann hämmern und auch noch der übermütige Versuch, diese hochzuschieben und runterknallen zu lassen. Kein Wunder, dass die Bewohner nachts um drei erst verängstigt und dann verärgert reagierten, aus dem Haus stürzten und der Clique, vor allem dem Rüttler, feindselig begegneten.

Beruhigungsversuche beider Parteien schlugen fehl, die Situation geriet mit Tritten und Boxhieben außer Kontrolle. Der spätere Täter kam mit einem Messer dazu, stach mehrfach zu und rannte dann weg. Das Opfer wurde knapp unterhalb des Herzens getroffen und mit lebensgefährlichen Verletzungen in die Notaufnahme eingeliefert. Der Solinger lag einige Tage im Koma, wurde im Rollstuhl entlassen. Durch die Schmerzmittel litt er unter der Wahnvorstellung, ihn wolle jemand umbringen. Albträume, Todesangst und Depressionen hängen ihm bis heute nach. Aber: Er wollte ohne äußere Hilfe darüber hinweg kommen.

Die Frage nach dem Eigenanteil am Geschehen gehe ihm jeden Tag durch den Kopf. Sich selbst gegenüber sei er skeptischer geworden. Bei Menschenansammlungen reagiere er noch immer panisch, seit dem Vorfall verzichte er auf Alkohol-Exzesse. Die Besorgnis des Gerichts, er könne sich mit den Narben auf der Brust nicht mehr im Freibad zeigen, zerstreute er, indem er den Pullover hochzog und einen Blick darauf zuließ. „Sieht aus wie eine Kriegsverletzung“ befand er schmunzelnd, kein Grund für ein Trauma. Und auch kein Problem beim Sportstudium, das er nach der Genesung aufgenommen habe.

Seine Freunde aus der Clique konnten den seelischen Reifeprozess bestätigen. „Er hat sich positiv verändert, ist viel ruhiger geworden“, war das übereinstimmende Urteil. Und auch hier hörte man durchaus Verständnis für den Täter heraus, der tief in sich gekehrt der Verhandlung folgte.

Es sollen noch weitere Zeugen vernommen werden, bis in der kommenden Woche das Urteil gesprochen werden soll.

Mehr von RP ONLINE