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Solingen: Die Gesenkschmiede, der Chirurgen vertrauen

125 Jahre Firma Otto Röhrig in Solingen : Die Schmiede, der Chirurgen vertrauen

Otto Röhrig fertigt Scheren-Rohlinge aus Edelstahl. Das Unternehmen im Industriegebiet Schmalzgrube besteht seit 125 Jahren. Gefeiert wird das Jubiläum wegen der Corona-Pandemie aber erst im nächsten Jahr.

Ein Jahr zum Feiern – und doch nicht. Als die Gesenkschmiede Otto Röhrig am 1. März 125 Jahre alt wurde, wollte Ralf Zimmermann das lieber im freundlicheren Mai oder Juni begehen. Dann kam die Pandemie. Heute hofft der geschäftsführende Gesellschafter auf das kommende Jahr – was die Feier und was den Auftragseingang angeht. „Wir werden auf jeden Fall etwas nachholen.“

„Wir sind europaweit der größte Anbieter von Scherenrohlingen aus Edelstahl für die Medizintechnik“, erläutert der 58-Jährige. Otto Röhrig ist Spezialist für chirurgische Instrumente; die Kunden sitzen im Regelfall in Tuttlingen, der „Welthauptstadt der Medizintechnik“. Das Sortiment umfasst etwa 1200 Modelle und reicht von einer neun Zentimeter langen Schere für Augenoperationen bis zur 32-Zentimeter-Schere für Schnitte an der Lunge. Nur: „Wegen der Pandemie wird weltweit weniger operiert“, sagt Ralf Zimmermann. Viele Betten auf den Intensivstationen werden für Corona-Patienten freigehalten. Wo kaum operiert wird, sind auch weniger Scheren nötig. Deshalb nutzt die Gesenkschmiede selbst ein Instrument: das der Kurzarbeit. Zimmermann: „Wir wollen unsere Mitarbeiter ja halten.“

Das Coronavirus hat das Tagesgeschäft auch in einem weiteren Punkt befallen. „Die Frachtpreise sind massiv gestiegen“, berichtet der geschäftsführende Gesellschafter. Es sind oft kleine Serien – „unsere Spezialität“ – die bei Otto Röhrig gefertigt und dann als „Beipack“ von Passagiermaschinen transportiert werden. Die aber bleiben inzwischen fast alle am Boden. Zimmermann: „Deshalb wird nur noch das Nötigste verschickt.“

Trotzdem hat er keinen Grund, schwarz zu sehen: „Ich glaube an unser Produkt. In der Medizintechnik passiert sehr viel. Zwei Konstrukteure sind bei uns mit Neuerungen und Modifizierungen bestehender Artikel ausgelastet. In der Medizintechnik sind die Anforderungen gestiegen.“ Darum werden gerade auch vier weitere Büros im Obergeschoss ausgebaut. Zimmermann: „Wir stoppen die Investitionen nicht.“ Außerdem kann sich Zimmermann auf ein zweites Standbein verlassen: Vor zehn Jahren schmiedete er Otto Röhrig mit Hugo Herkenrath zusammen. Das Unternehmen im Gewerbegebiet Scheuren, an dem United Salon Technologies (Werhahn) beteiligt ist, produziert Rohlinge für Friseur- und Haushaltsscheren sowie Maniküreartikel und Zangen. „Wir haben die Produktpaletten bereinigt“, blickt Zimmermann zurück. Bei Otto Röhrig werden neben den Scheren für Chirurgen auch noch einige Haushaltsmesser geschmiedet.

Trotz der zeitweisen Zwangsschließung der Salons erwartet Ralf Zimmermann bei Herkenrath einen ähnlichen Umsatz wie 2019 – und vielversprechende neue, „artverwandte“ Produkte in der Zukunft. „Da laufen einige sehr interessante, wenn auch noch nicht spruchreife Entwicklungen.“

Zusammen haben beide Unternehmen 18 Schmiedeanlagen und 72 Beschäftigte. Momentan wird ein kaufmännischer Lehrling ausgebildet; der letzte gewerbliche Azubi legte seine Prüfung vor drei Jahren ab. Neue Mitarbeiter findet Ralf Zimmermann oft durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Interessenten bekommen wir auch durch Umschulungsträger.“

Die Möglichkeiten von Industrie 4.0, urteilt der gebürtige Solinger, seien bei Otto Röhrig begrenzt. „Bei uns geht es nicht um Massenproduktion. Seit zwei Jahren arbeiten aber beide Gesenkschmieden mit einem Cloud-Anbieter zusammen.“ Dass Belegschaft und Geschäftsleitung im Corona-Jahr trotzdem nicht auf Wolke sieben schweben können, sieht Ralf Zimmermann realistisch. „Das sind Einflüsse auf die Medizintechnik, wie es sie noch nicht gegeben hat.“ Er weiß aber: „Wir sind weltweit bekannt. Jeder, der Rohlinge braucht und kaufen möchte, kommt an uns nicht vorbei.“

Privat ist der gelernte Kaufmann ohnehin zufrieden: „Ich bin eigentlich eher der Techniker. Ein kleines bisschen habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.“