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Solingen: Die FDP hat den 27-jährigen Raoul Brattig nominiert.

Interview mit Raoul Brattig (FDP) : „Solingens next OB“ setzt auf klare Kante

Kandidat Raoul Brattig (FDP) fordert einen Mentalitätswandel in der Verwaltung und weniger Parteidenken.

Am Freitag haben Sie als „Solingens next OB“ im früheren Felixwerk den Wahlkampfauftakt gefeiert – mit einem originellen Plakat im Stil der Solingen-Kampagne. Slogan: „Mensch, echt schade, Tim!“ Muss Tim Kurzbach sich Sorgen machen?

Brattig In einem gewissen Grad provokant zu sein, das gehört zur klaren Kante dazu. Man muss offen und ehrlich mit den Menschen sprechen. Viel zu viele haben Angst, sich festzulegen. Der Klassiker in der Politik ist doch: Wir werden das prüfen. Die FDP wollte am Freitag den Menschen hinter dem Bewerber zeigen. Mit den Menschen zu sprechen und sie zu überzeugen, das ist meine Maxime.

Warum am Grünewald? Wegen der Nähe zur FDP-Geschäftsstelle an der Kölner Straße?

Brattig Auch wegen der jungen kreativen Leute, die dort ausstellen und arbeiten. Wir brauchen Kreative, die man etwas machen lässt. Das Felixwerk ist ein gutes Beispiel dafür, wie etwas verhindert wurde, das ein Riesengewinn für Solingen hätte sein können. Das vorgesehene Hotel ist auch an Denkmalschutz-Auflagen gescheitert. Wirtschaft und Verwaltung: Das sind zwei Welten, die man zusammenbringen muss.

  • Raoul Brattig.
⇥Foto: Dzamastagic
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Was läuft Ihrer Meinung nach schief in der Verwaltung?

Brattig Das ganz Wichtige ist ein Mentalitätswandel. Kein Verwaltungsangestellter will mehr Verantwortung übernehmen. Das liegt daran, dass sie permanent von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen werden. Da müsste man als Oberbürgermeister zuerst ansetzen. Tim Kurzbach schreibt sich Erfolge gerne selbst zu. Der Bürger aber fühlt sich als Bittsteller, wenn er mit einem Antrag kommt.

Wird die Rolle des Oberbürgermeisters nicht überschätzt? Haben nicht andere im Land und im Bund das Sagen?

Brattig Ich glaube, ein Oberbürgermeister hat sehr viele Freiheiten, wenn er dafür kämpft. Man darf sich nicht seinem Schicksal ergeben. Man muss wegkommen davon zu sagen, es geht nicht. Wenn alle zusammenarbeiten, findet man einen Weg. Außerdem muss sich die Stadt auf ihre Kernaufgaben beschränken.

Monheims Oberbürgermeister Daniel Zimmermann war in Ihrem Alter, als er dort das Ruder übernahm. Jetzt schwimmt seine Kommune wegen des niedrigen Gewerbesteuersatzes und der vielen zugezogenen (Briefkasten-)Firmen im Geld. Ein Weg für Solingen?

Brattig Sozusagen Copy and paste? Mein Modell ist anders: Wenn neue Unternehmen nach Solingen kommen und die Einnahmen dadurch steigen, könnte man den Satz für alle senken. Dafür müsste man aber auch genügend Gewerbeflächen haben. Das gehört für mich zu einer attraktiven Stadt dazu: Es gäbe weniger Auspendler, die im Stau stehen.

Noch sind die Staus Realität. Wie würde ein OB Brattig Abhilfe schaffen?

Brattig Wir brauchen einen Ausbau der Viehbachtalstraße – mit einem Anschluss ans Gewerbegebiet Scheuren – und einen besseren Anschluss an die A3. Ich persönlich wäre für die direkte Anbindung der Viehbachtalstraße an die Autobahn. Die Ironie ist doch, dass wir auf der Expo in München mit der guten Anbindung an die Rheinschiene werben. Die einzig praktikable und schnell umsetzbare Variante ist die Haus-Gravener-Straße. Das hätte schon einen Rieseneffekt, sowohl ökologisch gesehen, indem wir viele Lkw aus dem Solinger Stadtverkehr bekommen, als auch für die Menschen vor Ort, die schneller von A nach B kommen.

In Langenfeld scheint diese Variante weiter nicht gewünscht zu sein. Solingen hat seine Nachbarn ja auch jahrzehntelang nicht gerade hofiert.

Brattig Man muss auf jeden Fall den Kontakt suchen. Es ist verblendet zu glauben, dass Solingen alle Probleme alleine lösen kann. Das gilt auch für die bergische Kooperation. Wenn die drei Städte sich zusammentun, sind sie Düsseldorf ebenbürtig. Wie wäre es beispielsweise mit einem gemeinsamen Kfz-Amt mit Wuppertal und Remscheid? Statt Zusammenarbeit gibt es Vorbehalte: Bei der geplanten BHC-Halle am Piepersberg gab es auch von Wuppertaler Seite kritische Stimmen. Jetzt werden wichtige Spiele in Düsseldorf ausgetragen.

Apropos Zusammenarbeit: Es gab zumindest bei der CDU Überlegungen, einen gemeinsamen OB-Kandidaten des bürgerlichen Lagers aufzustellen. Wie es jetzt aussieht, wird Tim Kurzbach mindestens drei, wenn nicht sogar fünf Konkurrenten haben. Macht das die Sache leichter für ihn?

Brattig Dass es in Solingen zwei Lager geben soll, ist altes Denken. Der Wähler orientiert sich an den Themen und den Personen; es gibt große Wählerwanderungen. Für die Bürger und die Demokratie ist es gut, wenn wir viele unterschiedliche Kandidaten haben. Wir haben bei unserem Klausurseminar im März ein ganzes Wochenende lang überlegt, ob wir einen eigenen OB-Kandidaten aufstellen wollen – und haben uns einheitlich dafür entschieden. Unser großer Slogan ist, dass wir Freiräume für die Menschen schaffen wollen.

Warum ist es der Kandidat Raoul Torben Brattig geworden?

Brattig Unabhängig voneinander sind mehrere Parteimitglieder zu mir gekommen und haben mich gefragt – und ich wollte auch. Dass nichts nach außen gedrungen ist zeigt, dass die FDP hinter mir steht. Wie oft wurden schon Bewerber totdiskutiert.

Werden Sie der Kandidat für die jungen Solinger sein?

Brattig Jugend kann nicht das Einzige sein. Themen wie Grünflächen oder der öffentliche Personennahverkehr betreffen Junge wie Alte. Auch Kunst ist ein generationenübergreifendes Thema.

Sie sagen von sich selbst: „Das künstlerische Talent meines Großvaters ist mir nicht vererbt worden.“ Interessieren Sie sich trotzdem für Kunst?

Brattig Das Kunstmuseum ist eine ganz große Sache. Wir müssen uns um die langfristige Finanzierung kümmern. Wie schaffen wir den Erhalt gemeinsam? Es gibt viele engagierte Sponsoren. Das Kunstmuseum und die Stadt müssen ihre Hausaufgaben machen.

Was steht noch auf
der To-do-Liste?

Brattig Wir müssen in erster Linie in unsere Kinder investieren – also auch in mehr Kindertagesstätten. Beim Klinikum muss endlich die Reform durchgeführt werden. Wir haben uns als Politiker zu lange an der Nase herumführen lassen. Wenn wir weiter ein kommunales Krankenhaus haben wollen, muss sofort etwas passieren. Auslagerungen wie die der Wäscherei gehören leider dazu. Beim ÖPNV muss erst einmal die Qualität gesteigert werden. Vom Ein-Euro-Ticket am Tag halte ich nichts, solange der Bus nur stündlich kommt. Die Veloroute sehe ich sehr kritisch, weil die schmale Korkenziehertrasse schon jetzt sehr voll ist. Sie für den Radschnellverkehr freizugeben, halte ich für ein großes Unfallrisiko. Außerdem wünsche ich mir mehr Kreisverkehre und ein intelligenteres Verkehrsmanagement-System.

Was wünschen Sie sich für das
Miteinander der Parteien im
Stadtrat?

Brattig Wir müssen zu einem neuen Politikstil kommen und die Idee an sich bewerten. Man kann nicht einen guten Antrag ablehnen, weil er aus der Opposition kommt – um dann in einem halben Jahr denselben Antrag zu stellen. Da kommt Politikverdrossenheit auf.