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Solingen: Der Mauerfall war "emotional überwältigend"

30 Jahre Deutsche Einheit : Der Mauerfall war „emotional überwältigend“

Der Oberbürgermeister der Kreisstadt Aue-Bad Schlema, Heinrich Kohl, über die Wiedervereinigung und die Lage in der sächsischen Partnerstadt Solingens 30 Jahre nach Vollendung der Einheit.

Was haben Sie gefühlt, als die Mauer fiel und die Wiedervereinigung folgte?

Kohl Auch wenn der politisch Interessierte, der im Kalten Krieg groß geworden ist, spätestens seit Sommer 1989 erheblichste Veränderungen im Ostblock inklusive der DDR nicht übersehen konnte, war ich doch überrascht über die Geschwindigkeit und die Form des Mauerfalls. Als Patriot habe ich den Mauerfall als ein emotional überwältigendes Erlebnis empfunden.

Als Wessi haben Sie den Ossis seit 1990, zunächst ehrenamtlich, die Welt erklärt. Wie kam das an?

Kohl Ich habe immer die neuen Brüder und Schwestern davor gewarnt, zu viel auf den Westen zu setzen. Ich hatte nie die Absicht gehabt, gestandenen Leuten die Welt zu erklären, ich habe aber von Anfang an bereits bei meiner thüringischen Station in Oberhof die Euphorie dämpfen müssen und geraten, sich nicht auf das Heer von Glücksrittern einzulassen.

Haben die Begriffe Wessi und Ossi heute noch eine Bedeutung in Aue-Bad Schlema? Hatten Sie eine für Sie?

Kohl Außerhalb offizieller Veranstaltungen und des geschäftlichen Alltags, eher im Geselligen oder am ortspolitischen Stammtisch, gibt es diese Unterschiede noch. Ich selbst kann mich in der vierten Amtsperiode nicht beschweren, verweise ich doch Kritiker und Spötter, die mich mit Wessi im politischen Duell abqualifizieren möchten, auf die Wahlergebnisse des Plebiszits. Für jüngere Leute spielt der Unterschied – laut eigener Bekundungen dieser Gruppe – keine große Rolle mehr.

Die Partnerschaft mit Solingen besteht seit 1990. Wie stark sind die Bande aus Ihrer Sicht? Und aus der der Bevölkerung, die ja zum Teil schon Jahrzehnte früher Verbindungen hatte?

Kohl Sicherlich war die verwaltungsmäßige Unterstützung einer Großstadt für eine Kleinstadt sehr wichtig und im Ergebnis erfolgreich. Auch die frühen Bande waren für die innerdeutsche Partnerschaft sehr bedeutsam. Die Feuertaufe war aber das überwältigende Spendenaufkommen anlässlich des August-Hochwassers 2002 in Aue. Hier wurde wie beim Oderhochwasser in den 90iger Jahren das emotionale Band (wieder) verstärkt.

Bei Ihrer Wiederwahl im vergangenen Jahr erhielt Ihr NPD-Gegenkandidat 18,2 Prozent der Stimmen. Dem Rat gehören neun Gruppen an. Gilt noch Ihre Aussage nach der Wahl, dass die Stadt „nur noch bedingt regierbar“ ist?

Kohl Eine abschließende Antwort ist noch nicht möglich. Manches hat sich eingerüttelt. Auch müssen die Demokraten aus ihrem Selbstverständnis heraus bei bestimmten populistischen Anträgen zusammenstehen, dies ermöglicht Mehrheiten.

Wie steht es um die wirtschaftliche Lage?

Kohl Wir hatten kurz vor dem Lockdown selbst in Aue, das sonst publizistisch die rote Laterne trägt, nur 4,9 Prozent Arbeitslosigkeit, und der Fachkräftemangel hindert auch hier die Entwicklung. Die Milliardeninvestitionen in die E-Mobilität in Zwickau werden trotz aller Skepsis vor Ort, was diese moderne Technologie angeht, Früchte tragen.

Wie sehr leidet Aue unter der Corona-Pandemie?

Kohl Wie alle anderen Städte in Deutschland auch, besonders leiden die Gastronomie, der Sport und die Kultur, hier unsere Orchester und die Philharmonie.

Warum haben Sie sich 2019 entschieden, noch einmal zu kandidieren? Die „Rente mit 67“ wird es dann nicht für Sie geben.

Kohl Es gibt noch viel zu tun. Und nachdem die Fusion mit unserem früheren Nachbarort erfolgreich war, trotz erheblichen Widerstandes bis kurz vor Silvester 2018, möchte man etwas vom politischen Erfolg mitnehmen, um weiter gestalten zu können. Viele Kollegen in unserem Landkreis arbeiten gerne bis 67 und länger.

Ihr Nachwuchs ist aus dem Haus. Ist eines ihrer drei Kinder im Osten geblieben?

Kohl Ja.

Und was einige Solinger sicher am meisten interessiert: Wie schafft es eine eher kleine Kommune, einen erfolgreichen Verein in der 2. Fußball-Bundesliga zu haben?

Kohl Die „Zeit“ schrieb nach dem 2002-Hochwasser vom Wunder von Aue. Ein bisschen Wunder ist beim Fußball auch dabei, aber auch Fleiß, Bescheidenheit des Erzgebirgers, protestantische Sekundärtugenden einer für DDR-Verhältnisse überdurchschnittlichen Religionsbindung, bergmännischer Korpsgeist und die Notwendigkeit, zugleich Kunstfertigkeit, aus wenig viel zu machen.