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Solingen: Creditreform rechnet mit Pleitewelle

Neugründungen und Insolvenzen in Solingen : Creditreform rechnet mit Pleitewelle

Die Zahl der Unternehmensgründungen in der Region hat zugenommen. Gleichzeitig reduzierten sich die Insolvenzfälle – trotz oder wegen Corona. Aber vielleicht kommt das böse Ende noch, fürchtet Creditreform.

Die Insolvenzzahlen sind gegen Ende des vergangenen Jahres so niedrig wie seit Jahren nicht mehr gewesen. Überdies wagten viele Gründer in der Region der Großstädte Solingen, Remscheid und Leverkusen den Sprung in die Selbstständigkeit. Damit sorgten sie für einen positiven Saldo im Vergleich der Neugründungen und Unternehmenslöschungen.

Allein in Solingen standen im vergangenen Jahr 1190 Neugründungen lediglich 860 Abmeldungen gegenüber. Was zum Jahresende 2020 unter dem Strich 330 Selbstständige mehr in der Klingenstadt ausmacht. „Der Anteil der Dienstleister an den Neugründungen steigt kontinuierlich“, sagt Ole Kirschner, Geschäftsführer von Creditreform Solingen. Immerhin 72 Prozent der Neugründungen entfallen auf diesen Bereich, während der Anteil neuer Firmen in der Industrie auf vier Prozent verharrt.

Zweimal im Jahr ermittelt die Wirtschaftsauskunftei von der Kuller Straße in der Stadtmitte, wie viele neue Firmen gegründet werden oder sich vom Markt verabschieden. Zum Teil geschieht das in aller Stille, oft aber auch, weil das Unternehmen in die Pleite schlidderte.

Von daher nimmt Creditreform auch das Insolvenzgeschehen genau unter die Lupe genommen. Und in Zeiten der Corona-Pandemie wurden gerade hier teilweise paradox anmutende Ergebnisse zu Tage gefördert. „Die Insolvenzzahlen sind deutlich zurückgegangen. In unserer Region sogar noch stärker als im Bundesgebiet“, sagt Ole Kirschner.

Für das Gebiet der Großstädte Solingen, Remscheid und Leverkusen verzeichnete Creditreform im vergangenen Jahr 184 Insolvenzverfahren – 58 weniger als 2019. Das entspricht einem Rückgang von 24 Prozent. Der wirtschaftliche Schaden der Unternehmensinsolvenzen in der Region wird von Creditreform mit knapp 200 Millionen Euro veranschlagt.

Geschäftsführer Ole Kirschner warnt allerdings mit Blick auf die rückläufigen Insolvenzzahlen. „Schon vor der Pandemie ging es vielen Unternehmen nicht gut. Mit zinsgünstigen Krediten konnten die sich aber halten.“ Insbesondere aber mit der ausgesetzten Pflicht zur Insolvenzanmeldung und auch durch die Corona-Hilfen gelang und gelingt es zurzeit weiterhin Unternehmen, sich über Wasser zu halten.

Als besonders insolvenzanfällig zeigen sich wie in den Vorjahren die Rechtsformen GmbH und GmbH & Co. KG. Auch in der Region entfallen auf diese Rechtsformen aktuell 71 der Insolvenzverfahren (38,6 Prozent). Die Gesamtwerte der Region zeigen jedoch, dass auf die vollhaftenden Gewerbetreibenden und Einzelkaufleute mit 56,5 Prozent der Löwenanteil der Firmeninsolvenzen entfällt.

Wegen des anhaltenden Lockdowns bangen gleichwohl etliche Unternehmen um ihre Existenz. Gerade Restaurants, Kneipen, der Einzelhandel oder unter anderem Hotels verdienen derzeit, wenn überhaupt, kaum etwas. Ebenso wenig wie Friseure, Fitness-Studios oder unter anderem die Veranstaltungsbranche. Deshalb ist für Ole Kirschner sicher: „Da kommt noch etwas auf uns zu.“ Der Creditreform-Geschäftsführer geht deshalb wie andere von einer möglichen Pleitenwelle aus.

Vergleicht man die Insolvenzanfälligkeit der Betriebe in Abhängigkeit zu ihren Standorten, so ergeben sich signifikante Unterschiede: In Relation zu den in ihrer Stadt verzeichneten Unternehmen sind in diesem Jahr in Remscheid die meisten Betriebe zusammengebrochen. Mit 40 Insolvenzverfahren und einem Insolvenzindex von 1,45 bildet die Stadt in diesem Jahr das Schlusslicht. Auch in Haan und Leichlingen haben in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Betriebe
Insolvenz angemeldet (Insolvenzindex: 1,44).

Es gibt aber auch einige Städte in der Region, in denen ein Insolvenzindex von unter 1 und damit eine unterdurchschnittliche Insolvenzhäufigkeit beobachtet werden kann. Burscheid (0,82) gehört dazu, Langenfeld (0,70) sowie Radevormwald (0,68) und Solingen (0,67).

Absoluter Spitzenreiter – also die Stadt mit den wenigsten Unternehmensinsolvenzen gemessen an der Anzahl der dort angesiedelten Unternehmen – ist in diesem Jahr Wermelskirchen, wo 2020 nur vier unternehmerische Insolvenzverfahren eröffnet worden sind (Index: 0,42)..

Bei den Insolvenzfällen in der Klingenstadt gibt es aber auch positive Aspekte. So wurde zwar das Insolvenzverfahren gegen Dovo Stahlwaren Bracht im Juli vergangenen Jahres eröffnet. Der Berliner Unternehmer Jens Grudno übernahm die insolvente Manufaktur Dovo Stahlwaren jedoch zum 1. Oktober. Als Mehrheitseigner und Geschäftsführer sichert Grudno damit die Zukunft der Solinger Traditionsmanufaktur. Die neue Geschäftsführung will sich auf Rasiermesser als Kernprodukt konzentrieren.