Solingen: Autonomes Fahren voraussichtlich ab 2030

Automotiveland NRW : „Unsere Unternehmen sind Technologieführer“

Ein „Bergisch-Smart-Car“ wäre laut Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft weitgehend denkbar.

In Nordrhein-Westfalen sind 800 Automobilzulieferer ansässig, eine Hochburg ist mit etwa 250 Unternehmen das Bergische Städtedreieck. Gut 17.500 Fachkräfte arbeiten in dieser Industrie, die sich in den nächsten Jahren aber einem erheblichen Wandel unterziehen wird. Insbesondere auch wegen des Klimawandels und -schutzes. Im Bereich Mobilität und Energie werden Solingen, Remscheid und Wuppertal aber im Land wahrgenommen. Mit dazu bei trägt das Team der Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (BSW) und deren Geschäftsführer Stephan A.  Vogelskamp.

Herr Vogelskamp, das Bergische ist ein Automotiv-Standort. Es gibt hier etliche Zulieferer mit unterschiedlichen Produkten. Könnte daraus ein Auto gebaut werden ?

VOGELSKAMP Für einen Verbrenner-Motor fehlen uns circa 20 Prozent der Komponenten, beim Elektro-Auto müssten wir vor allem  den Akku zukaufen. Alles in allem: das „Bergisch-Smart-Car“ wäre weitgehend denkbar – ist aber nicht das Ziel.

Aber hat das Auto überhaupt noch eine Zukunft ?

VOGELSKAMP Natürlich, nur nicht mehr mit Verbrenner-Motor und nicht mehr unbedingt ein Fahrzeug, das Ihnen privat gehört. Demnächst haben Sie – ähnlich  wie beim Mobiltelefon – einen Provider, der Ihnen Ihre Mobilität mit Sharing-Fahrzeugen organisiert.

Elektromobilität heißt das Zauberwort – bei Bussen ebenso wie bei Pkw. Ab wann rechnen Sie hier mit einem Umstieg ?

VOGELSKAMP Ab 2025 wird sich die Elektromobilität spürbar breiter durchsetzen, ab 2030 wird voraussichtlich das Autonome Fahren auch bei uns Realität. Und ehrlich gesagt freue ich mich sehr darauf, denn meine Mobilität wird komfortabler, ökologischer und – last but not least – auch billiger.

Was bedeutet das für die vielen Automobilzulieferer ?

VOGELSKAMP In unserer Region sind zum Beispiel die Segmente Interieur/Exterieur oder Elektronik sehr stark, die auch bei E-Fahrzeugen und Shared Mobility eine große Rolle spielen werden. Hier sehen wir vor allem Potenziale. Notwendig wird es aber sein, für viele Bereiche auch neue Geschäftsmodelle wie beispielsweise „Access as a Service“ in der Schlüsselregion zu entwickeln. Die Überlegungen der Bergischen Universität zu ergänzenden Studiengängen für den Bereich „Automotive/Neue Mobilität“, die auch den entsprechenden Fachkräftenachwuchs für diesen Transformationsprozess sichern, sind in diesem Zusammenhang nur zu begrüßen.

Asien, speziell China und Japan, sind im Bereich Industrieroboter viel weiter als Europa. Auch bei der Elektromobilität, zumal in China beispielsweise großräumige Erprobungsräume einfach ausgewiesen und genutzt werden. Bei uns gilt es zunächst, gesetzliche Hürden zu überwinden. Geraten wir deswegen ins Hintertreffen ?

VOGELSKAMP Das ist tatsächlich zu befürchten, wenn wir nicht zeitnah die entsprechenden regulatorischen Rahmen schaffen. Unsere Deutsch-Chinesische Automotive-Allianz zielt ja darauf ab, die Entwicklungen in Asien zeitnah antizipieren und bewerten zu können, um diese Erkenntnisse auch in den Konsultationsprozess in Deutschland einspeisen zu können.

Die BSW macht sich bei der Landesregierung für das Cluster „automotiveland.nrw“ stark, zumal das Bergische durchaus mit Stärken punkten kann. Dazu gehören auch die Vortragsreihe Bergischer Zukunftssalon Automotive, Autonomes Fahren oder Begleitung des Strukturwandels. Machen die Unternehmen aus der Region grundsätzlich mit, wenn es darum geht, ein stabiles Cluster-Netzwerk aufzubauen?

VOGELSKAMP Absolut, wir formieren uns hier gerade mit breiter Brust. Unsere Unternehmen sind Technologieführer, weltoffen und kapitalstark – drei unglaubliche Argumente, wenn es darum geht, Themenführerschaft übernehmen zu wollen. Und das wollen wir.

Welche Rolle spielt hier die Bergische Universität ?

VOGELSKAMP Ohne die Bergische Universität könnten wir den Gesamtanspruch nicht halten: Der Auftrag ihrer Dritten Mission – Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft zu betreiben – realisiert die Bergische Universität gerade im Zusammenspiel mit unseren Technologieführern beispielhaft. Das sichert unseren Anspruch, ein wirklicher F&E-Standort zu sein, immens ab.

Sie wollen jetzt einen Trägerverein Automobilland NRW initiieren, um im Spätherbst einen Förderantrag beim Land stellen zu können. Wie hoch ist die Clusterförderung, und wann rechnen Sie mit einer Entscheidung?

VOGELSKAMP Im nächsten Sommer sollten alle Bescheide vorliegen und wir mit einem mehrköpfigem Team weiter durchstarten können.

Wie sehen Mobilitätskonzepte der Zukunft aus?

VOGELSKAMP Heute stehen Auto, Bus, Bahn, Fahrrad und Taxi eher nebeneinander. Man entscheidet sich normalerweise für das eine oder das andere. Das wird sich künftig ändern. Dank überregionaler Anbieterplattformen wird man verschiedene Fortbewegungsmittel besser verknüpfen können. Nie mehr einen Fahrplan lesen, keine Fahrkarte mehr am Automaten kaufen, sich nicht im Vorfeld einer Reise stundenlang orientieren müssen, wie man von A nach B kommt: Durch die Digitalisierung hat Mobilität das Potenzial, endlich einfach und unkompliziert zu funktionieren – auch durch die dann fahrenden autonomen Robo-Shuttles. Den vertikalen Verkehr – zum Beispiel mit den von Frau Staatsministerin Bär angesprochenen Flug-Taxis – sehe ich allerdings noch in extrem weiter Ferne.

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