1. NRW
  2. Städte
  3. Solingen

Solingen: Am Weegerhof wohnte der Arbeiteradel

Mein Solingen : Weegerhof: „Da wohnte der Arbeiteradel“

Der Spar- und Bauverein Solingen hat mehr als ein Drittel seiner Häuser in Höhscheid – unter anderem am Weeger- und Böckerhof und der Goudastraße. Am Argonner Weg entstehen 60 neue Wohnungen und eine Kindertagesstätte.

„Wir haben zu einem sehr frühen Zeitpunkt Höhscheid mitgeprägt“, sagt Ulrich Bimberg, der Vorstandsvorsitzende des Spar- und Bauvereins Solingen. Der hat zwar die Klingenstadt im Namen, stieß aber auf heftige Gegenwehr des Solinger Haus- und Grundbesitzervereins, als er 1911 an der Klingenstraße „eine größere Musterwohnungsanlage für Arbeiter und sonstige kleine Leute“ schaffen wollte. Das Solinger Stadtparlament lehnte eine Bürgschaft über 80.000 Mark ab – und musste erleben, dass die Höhscheider Stadtverordneten in die Bresche sprangen. Die Gemeinde wurde Mitglied beim SBV, kaufte fünf Anteile, bot Bürgschaften und Land an.

Heute liegen rund 35 Prozent der 6893 SBV-Wohnungen in Höhscheid. „Eine unserer ersten großen Siedlungen war die an der Lerchenstraße“, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Die SBV-Häuser zwischen Gabelsberger- und Finkenstraße entstanden ab 1912 zu einer Zeit, als Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder „im großen Stil“ in die Genossenschaft eintraten. Bimberg: „Vorher hatte es in der Arbeiterbewegung heftige Auseinandersetzungen gegeben, ob man sich überhaupt an der Wirtschaft beteiligen sollte.“

Eine Überlegung, die sich längst überholt hat: „Mit fast 14.000 Mitgliedern sind wir die größte Eigentümergemeinschaft Solingens“, greift der gebürtige Sauerländer einen Satz auf, den der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Werner Bertl gerne verwendet. 2016 nahm die Unesco „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Darauf ist man auch beim SBV stolz, zeigt sich aber gleichzeitig irritiert: Schließlich sei man weit davon entfernt, zu verschwinden und zum „Erbe“ zu werden.

 Vorstandsvorsitzender Ulrich Bimberg und Referentin Mirja Dorny vor einem Poster, das die Neubauten am Argonner Weg beschreibt.
Vorstandsvorsitzender Ulrich Bimberg und Referentin Mirja Dorny vor einem Poster, das die Neubauten am Argonner Weg beschreibt. Foto: Fred Lothar Melchior

Wie viel Leben im Spar- und Bauverein steckt, das zeigt sich auch in der Siedlung Böckerhof: Alte, ab 1931 errichtete Häuser am Argonner Weg (der Verlängerung der Lerchenstraße) machen ab nächstem Jahr Platz für und 60 neue Wohnungen und eine Kindertagesstätte. „Die Zahl der Wohnungssuchenden steigt“, erläutert Ulrich Bimberg. „Wir haben im Moment wieder einen starken Zulauf – auch wegen der Situation an der Rheinschiene“. Die Neubauten am Böckerhof sollen ab Herbst 2020 bezugsfertig sein. Zunächst werden 36 barrierefreie Seniorenwohnungen gebaut – an Stelle des L-förmigen Gebäudes an der Ecke Wittekindstraße, in dem es früher einen Laden und später unter anderem Violettas Puppenbühne gab. Danach folgen Wohnungen, die eine Mehrgenerationen-Initiative beziehen möchte.

„Weil wir eine Gesellschaft des langen Lebens haben, bauen wir in den größeren Siedlungen Seniorenwohnungen“, erklärt der 64-jährige Vorstandsvorsitzende. „Unsere Mitglieder haben ein großes Interesse, in dem Bereich zu bleiben, wo sie schon wohnen.“ 37 Prozent der SBV-Mitglieder sind 60 Jahre und älter; der Anteil der Seniorenwohnungen beträgt bisher etwa fünf Prozent.

Eine der jüngsten Wohnanlagen für Ältere (Baujahr 2010) liegt an der Neuenhofer Straße und gehört zur Siedlung Weegerhof. Die war, als sie ab 1928 nach dem Gartenstadt-Gedanken gebaut wurde, laut Bimberg eine „Muster- und Paradesiedlung für ganz Deutschland“ – mit Konsum, Waschhaus und Gaststätte. „Das sah mehr nach Versailles aus. Da wohnte der Arbeiter-Adel.“

„Zur Kirschblüte ist die Siedlung am schönsten“, wirbt der SBV für den Weegerhof. Auf alten Fotos sind die Bäume an der Hermann-Meyer-Straße (früher Karl-Marx-Allee, dann Goebbels-Allee) noch klein. Die Häuser sehen aber aus wie heute. Der Schein trügt: Der SBV investiert jedes Jahr um die 17 Millionen Euro in die Modernisierung und Instandhaltung seiner Gebäude. Auch die Siedlung Weegerhof wurde – „bei aller äußeren Nostalgie“ komplett modernisiert. Geblieben ist das Bemühen, möglichst viele Mieter einzubeziehen, wenn es um Kontakte bei Nachbarschaftstreffs und Festen geht. „Wir wollen, dass unsere Bewohner aktiv werden“, erklärt Ulrich Bimberg.

Aber auch Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder des SBV suchen den Kontakt zu den Mietern: Ab Spätsommer machen sie sich mit zuständigen Mitarbeitern auf zur „Wir kommen wieder“-Tour. Bimberg: „Wir werden alle 38 SBV-Siedlungen besuchen und mit den Bewohnern sprechen.“ Auch die in Alt-Solingen, wo man vor gut 100 Jahren so wenig für „Arbeiter und sonstige kleine Leute“ übrig hatte. Denn auch nördlich und südlich der Klingenstraße ist der SBV längst mit Siedlungen vertreten.