Solingen: Agentur für Arbeit wirbt in Betrieben für Einzel-Umschulungen

Weiterbildung : Agentur wirbt für Einzel-Umschulungen

Für die verkürzte reguläre Ausbildung im Betrieb gibt es eine finanzielle Förderung der Agentur für Arbeit. Profitieren sollen davon Unternehmen, Arbeitssuchende ohne Abschluss und Geringqualifizierte.

Ursprünglich ließ sich Lukas Kallen zum Mechatroniker ausbilden. Dann durchkreuzte eine Verletzung an der Hand die Berufspläne – und stellte den zweifachen Familienvater vor die Frage nach der Zukunft. Aber der 23-Jährige ließ sich nicht unterkriegen: „Ich hatte die Idee, etwas mit Lebensmitteln zu machen“, erzählt er. Koch sei eine Möglichkeit gewesen, eine andere schließlich Fleischer. Und genau das wird Kallen jetzt – im Rahmen einer Einzel-Umschulung bei der Gräfrather Metzgerei Jacobs in Gräfrath. Dort arbeitet er zugleich als Helfer in der Lebensmittelherstellung und verdient damit auch ein Gehalt, das seiner persönlichen Situation Rechnung trägt.

Möglich macht das ein Förderprogramm der Agentur für Arbeit. Das soll Arbeitssuchenden ohne Berufsabschluss, nicht ausreichend qualifizierten Bewerbern oder bereits Berufstätigen zu einem zukunftssichernden Abschluss verhelfen – und zugleich dem Fachkräftemangel in den Betrieben entgegenwirken. „Eine reguläre Ausbildung wäre für mich aus finanziellen Gründen nicht machbar gewesen, davon hätte ich meine Familie nicht ernähren können“, erklärt Kallen und betont: „Ich bin sehr dankbar, diese Chance bekommen zu haben und tue alles, um diese zu nutzen.“

Doch auch für seinen Chef hat sich das Arrangement offenbar gelohnt: „Er ist sehr engagiert“, lobt ihn Inhaber Rudolf Jacobs, der die Bedeutung der Ausbildung im eigenen Betrieb hervorhebt: „Fachkräfte sind auf dem freien Markt schon lange nicht mehr zu bekommen.“ Auch deshalb zögerte er nicht lange, als Martina Wildförster, Qualifizierungsberaterin der Agentur für Arbeit, ihm Lukas Kallen vorstellte. „Das Bauchgefühl sagte, es passt“, erklärt Jacobs.

Die Ausbildung seines Schützlings wird bis Anfang 2021 dauern. Das Programm sehe vor, dass eine derartige Einzel-Umschulung um mindestens ein Drittel kürzer sein müsse als die klassische Ausbildung, erklärt Martina Wildförster. Zugleich zahlt die Agentur für Arbeit dem Betrieb einen verhandelbaren Arbeitsentgelt-Zuschuss, der im Höchstfall bis zu 100 Prozent des Gehaltes betragen kann. Die Höhe der Zuwendung hängt laut Wildförster von Faktoren wie der Größe des Unternehmens oder der Situation des Arbeitnehmers ab.

Das Geschäft ist für die Arbeitsagentur aufwändig: Um 100 Förderfälle zu erreichen müsse man 350 Gespräche mit Arbeitgebern führen, erklärt Wildförster. Eine größere Resonanz seitens der Betriebe wünscht sich auch Martin Klebe, Chef der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal: Viele schrecke die Angst vor zu viel Bürokratie und Organisation ab, erklärt er – und wirbt um eine größere Beteiligung: „Ich wünsche mir, dass weitere Unternehmen Ungelernten eine Chance geben und ihnen eine Qualifizierung oder Umschulung ermöglichen.“

Besonders wichtig sei das gerade im Hinblick auf die Digitalisierung und die damit verbundenen Veränderungen in der Arbeitswelt, die manch einen Ungelernten auf der Strecke lasse. Das Ende des vergangenen Jahres auf Bundesebene beschlossene Qualifizierungschancengesetz biete sehr gute Fördermöglichkeiten. Über die Chancen des Programms könnten sich die Betriebe bei den Qualifizierungsberaterinnen informieren.

Vielleicht aber auch bei Rudolf Jacobs: In seiner Metzgerei durchläuft derzeit neben Lukas Kallen auch eine vierfache Mutter die Einzel-Umschulung.

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