Solingen: Seltenes Lob für engagierten Ausbilder

Solingen: Seltenes Lob für engagierten Ausbilder

Halbzeit auf dem Lehrstellenmarkt: In Solingen gibt es zu wenig Ausbildungsplätze, in Remscheid fehlen Bewerber.

Die Auszeichnung ist selten. "Maximal ein- bis zweimal" werde sie im Bezirk der Arbeitsagentur Solingen - Wuppertal pro Jahr verliehen, sagt deren Leiter Martin Klebe. Am Donnerstag überreichte er das Zertifikat an Thomas und Heike Kissling, die mit ihrem Malerbetrieb fürs "hervorragende Engagement in der Ausbildung" geehrt wurden.

Foto: Peter Meuter

Auszubildende zu finden werde schwieriger, unterstrich Klebe. Der Handwerksbetrieb an der Straße Stöcken sei ein gutes Beispiel, wie eine Firma darauf reagieren könne. "Seit 1996, als ich den Betrieb von meinem Vater übernommen habe, kümmern wir uns um benachteiligte Jugendliche", erläutert Thomas Kissling. Von 2013 bis 2016 bildete er beispielsweise eine alleinerziehende Mutter in Teilzeit aus: "der erste Fall dieser Art bei der Handwerkskammer Düsseldorf".

In gut 20 Jahren brachte Kissling ebenso viele Lehrlinge zur Facharbeiterprüfung. Momentan bereitet sich Meik Alexander Heckendorf nach einer zweijährigen Ausbildung auf die Prüfung zum Bauten- und Objektbeschichter vor. Der gebürtige Düsseldorfer hatte nach der Hauptschule gejobbt und erkannt: "Auf Dauer war das nichts."

Bei Praktika in Schreiner- und Malerbetrieben fühlte er sich aber als fünftes Rad am Wagen. Das änderte sich erst beim Praktikum in Stöcken. "Das habe ich bei keiner anderen Firma erlebt", lobt der 23-Jährige, der sich jetzt noch zum Facharbeiter weiterbilden will.

"Für uns war immer klar: Hinter dem Lehrling oder Praktikant steckt ein Mensch", betonen Thomas und Heike Kissling. Sicher habe man auch viele Enttäuschungen erlebt. "Damit muss man rechnen." Der auf anspruchsvolle Arbeiten spezialisierte Sechs-Mann-Betrieb suche aber händeringend Facharbeiter - und will deshalb als nächstes einen Kosovo-Albaner ausbilden.

"Wir brauchen mehr Betriebe, die ausbilden", sagt Agenturleiter Martin Klebe. Es werde immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. "Deshalb muss man sich viel intensiver mit den jungen Leuten beschäftigen." Im Agenturbezirk gilt das ganz besonders für Remscheider Firmen. Bei der Halbjahresbilanz auf dem Ausbildungsmarkt fällt die Nachbarstadt auf, weil es mehr Lehrstellen (555) als Bewerber gibt (536).

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Im größeren Solingen ist die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze fast identisch (559, 53 mehr als 16/17), aber es gibt 974 Interessenten (110 weniger). Auch Wuppertal meldet einen Überhang von Bewerbern (2128 bei 1599 Stellen). "Der Kampf um den Nachwuchs ist stärker geworden", bestätigt Sascha Bomann von der Kreishandwerkerschaft.

Das Angebot an Lehrstellen hängt natürlich mit Zahl und Größe der ortsansässigen Unternehmen zusammen. "Solingen hat ein strukturelles Problem", beschreibt Martin Klebe den Arbeitsmarkt der Klingenstadt. In Solingen kommen 50 Arbeitsplätze auf 100 erwerbsfähige Einwohner; in Remscheid sind es 60. Und während man in der Arbeitsagentur gerne eine Lanze fürs Handwerk bricht, könnte laut Agenturleiter mehr aus anderen Wirtschaftszweigen kommen: "Die Metall verarbeitende Industrie muss mehr aus- und weiterbilden. Mit welchen Mitarbeitern will man das Thema Digitalisierung bewältigen?"

10.000 Arbeitskräfte (ein Fünftel) werden in Solingen in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen. 8000 von ihnen sind Fachkräfte. Wie viele freiwillig länger im Beruf bleiben wollen, lässt sich nur ahnen: Zurzeit sind es im Städtedreieck 1200 Männer und Frauen, die ihr 65. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben.

Dass sich der Nachwuchs rar macht, hat für Malerbetriebe wie den von Thomas Kissling jetzt auch noch finanzielle Folgen: Weil es weniger Lehrlinge gibt, die laufenden Kosten für die Lehrwerkstatt am Technischen Berufskolleg aber bleiben, sollen die Beiträge steigen. In Wuppertal wurde die eigene Lehrwerkstatt bereits aufgegeben.

Die Berufsinformationszentren der Arbeitsagentur in Solingen und Wuppertal bieten im April eine Reihe von Veranstaltungen für noch unentschlossene Schulabgänger an - vom Bewerbungstraining über Ausbildungsangebote etwa von Zoll, Polizei und Bundeswehr bis zur Sprechstunde über das Freiwillige Soziale Jahr.

Meik Alexander Heckendorf ist jedenfalls sehr zufrieden, die richtige Wahl getroffen zu haben: Als aus dem Praktikumsplatz eine Lehrstelle wurde, sollen die Augen vor Freude feucht geworden sein.

(RP)