Solingen: Sekundarschüler lauschen Zeitzeugen

Solingen: Sekundarschüler lauschen Zeitzeugen

Im Klassenraum ist es still. Alle Schüler schauen nach vorne, wo der Zeitzeuge Reinold Eisenbart - das letzte überlebende Gründungsmitglied des Gräfrather Heimatvereins - neben dem stellvertretenden Vorsitzenden Peter Wilhelm Steinheuer Platz genommen hat, und lauschen seinen Erinnerungen.

Etliche Fragen haben sich die Schüler einfallen lassen, die sie dem 1926 geborenen Gräfrather stellen. Die erste Frage dreht sich um das Mahnmal unterhalb des Tierparks Fauna. "Welche Bedeutung hat das Mahnmal für Sie?", will Gabriele wissen. Darauf erzählt Reinold Eisenbart, wie er als Sechsjähriger mitbekam, dass plötzlich ein Gerüst aufgestellt wurde und Handwerker sich an den Figuren zu schaffen machten. "Damals habe ich mir nichts dabei gedacht", sagt er.

Erst viel später habe er erfahren, dass den Nazis das Mahnmal zu traurig war. "Sie wollten es heroischer haben." Vor zwei Jahren hat es sich der Heimatverein Gräfrath zur Aufgabe gemacht, dieses Mahnmal zu restaurieren. "Wir haben die Namenstafel instandsetzen und den Platz davor herrichten lassen", erklärt Peter Wilhelm Steinheuer. Jürgen Kaiser, SPD-Ratsmitglied und ebenfalls im Heimatverein engagiert, kam auf die Idee, für die Pflege des Mahnmals eine Schulklasse als Paten zu gewinnen. "Ich finde es wichtig, dass sich die jungen Menschen mit der Geschichte auseinandersetzen", sagt er. Durch seine Kontakte zur Haupt- und Sekundarschule Central war schnell eine passende Schulklasse gefunden worden: die Klasse 8a der Sekundarschule. "Am Dienstag haben wir das Mahnmal besucht", erzählt Klassenlehrerin Ulrike Schüller-Baschke, "und haben dort fachübergreifenden Unterricht an einem besonderen Lernort gemacht." Die 24 Schüler freuen sich auf ihre Aufgabe, die sie im Frühjahr angehen wollen. "Wir werden uns um das Beet kümmern, die Sitzgelegenheiten sauber halten, die Namenstafel säubern", zählt Charly auf. Auch den Schnee wollen sie wegmachen. "Damit es in Ehren bleibt." Umut ist begeistert: "Das Beet zu den Jahreszeiten zu bepflanzen, ist eine coole Aktion." Überhaupt findet er es sehr interessant, über den Weltkrieg zu reden.

Und so lauschen die Schüler aufmerksam, wenn Reinold Eisenbart davon erzählt, wie er nach einem Bombenangriff durch brennende Straßen läuft, wie er von einer Lehrerin wegen seiner Kleidung bei der Gestapo angezeigt und zweimal verhört wird, wie er mit 18 Jahren zum Wehrdienst eingezogen wird und sich dann - gegen Ende des Krieges - mit seinen Kameraden in einem Kartoffelkeller versteckt, bis sie englische Stimmen hören. "Wir haben dann ein weißes Tuch vor uns hergetragen und sind nacheinander ganz langsam rausgekommen", erinnert er sich.

Es war eine kanadische Einheit, die die deutschen Soldaten in Empfang genommen hat. Für die Schüler war es ein besonderes Erlebnis, einen Zeitzeugen bei sich zu haben, ein Erlebnis, das die Namen auf dem Mahnmal mit Leben füllt.

(sue)