Schulen in Solingen „Eltern werden übergriffig – es gibt wachsende Gewalt gegen Lehrkräfte“

Interview | Solingen · VBE-Vorsitzender Jens Merten und sein Stellvertreter Daniel Weber kritisieren, dass die aktuelle Bertelsmann Studie die tatsächlichen Herausforderungen an den Grundschulen ignoriert. Im Gespräch reden sie über fehlende Lehrkräfte, Alltagshelfer, Quereinsteiger, Kinder, die nicht schultauglich sind, und das neue Angebot an der Augustastraße.

 Jens Merten (r.) und Daniel Weber vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Solingen.

Jens Merten (r.) und Daniel Weber vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Solingen.

Foto: Fred Lothar Melchior

Herr Merten, Herr Weber, geht über den Grundschulen jetzt die Sonne auf? Die Bertelsmann Stiftung prophezeit ab dem kommenden Jahr einen leichten Überschuss an Lehrkräften für diesen Schultyp.

Merten Beim VBE sehen wir die Prognose mit großer Skepsis. Es gibt deutliche regionale Unterschiede – deutschlandweit. Solingen ist beispielsweise eine wachsende Stadt. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird der Bedarf allein durch viele Pensionierungen weiter steigen. Selbst wenn wir über Bedarf ausbilden, werden wir in den Schulen vor Ort einen deutlichen Mangel spüren.
Weber Es ist zu befürchten, dass die Schulen, die die höchste pädagogische Expertise benötigen, weiterhin die niedrigste Personalausstattung haben werden.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Merten Alle aktuellen Statistiken besagen, dass wir bis zum nächsten Jahrzehnt im Minusbereich bleiben werden. Selbst das Ministerium hat Ende 2023 veröffentlicht, dass der Breakeven erst 2035 kommt. Man darf nicht so naiv sein und glauben, dass eine Besetzungsquote von dann 100 Prozent ausreicht. Der Bedarf entsteht durch Ausfälle, beispielsweise Elternzeiten, Beurlaubungen oder Krankheiten. Wir nehmen deutlich wahr, dass die Erschwerung der Teilzeit dafür sorgt, dass gesundheitlich angeschlagene Lehrkräfte nun über ihre Belastungsgrenze gehen müssen und unter dem Druck dann letztlich zusammenbrechen.
Weber Wichtig ist für mich auch der Blick auf die Ausbildungssituation. Wir beraten aktuell viele Studierende, die dem Lehramt den Rücken kehren wollen. Auch junge Lehrerinnen und Lehrer, die in der Seminar-Ausbildung sind, leiden unter der aktuellen Mangelsituation und brechen das Referendariat ab.

Wie kann man sie bei der Stange halten?

Merten Die Ausbildung muss reformiert werden. Die Schulen benötigen außerdem mehr Zeit für die Begleitung und Ausbildung von Quereinsteigern. Derzeit läuft all das nebenher und im Endeffekt leiden alle Beteiligten darunter. Zeitgleich gibt es die offizielle, berufsbegleitende Ausbildung von Quereinsteigern. Das wurde als großer Wurf gefeiert, aber auch bei dieser Personengruppe nehmen wir wahr, dass einige wieder aussteigen. Andere Lehrerinnen und Lehrer verabschieden sich zudem in den Ruhestand.
Weber Durch die Altersstruktur laufen wir sehenden Auges auf eine Pensionierungswelle zu. Ich war gerade bei der Verabschiedung einer Kollegin, die froh war, den verdienten Ruhestand erreicht zu haben. Als sie freundlich, aber doch bestimmt gefragt wurde, ob sie nicht noch etwas weiter unterrichten möchte, führte das bei den Anwesenden schon zu leichter Verwunderung. Wir haben Lehrkräfte, die nach dem Ruhestand weiterarbeiten wollen, aber das sollte auf Freiwilligkeit beruhen. Nach über 40 Dienstjahren ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, darf keine Strategie gegen Lehrkräftemangel sein.

Wie viele „echte“ Lehrerinnen und Lehrer gibt es überhaupt in den Kollegien?

Merten Im optimalen Fall sind natürlich alle der angedachten 106 Prozent vollständig ausgebildet. Der VBE plädiert zudem für mindestens 110 Prozent. In der aktuellen Zeit sind es aber oftmals nur 70 bis 80 Prozent, die ein Lehramt erworben haben. Die übrigen Stellen werden beispielsweise durch Studierende aufgefüllt. Dadurch fehlen in erster Linie Klassenleitungen.
Weber Die Seiten- und Quereinsteigenden müssen wie schon beschrieben angelernt und vom Kollegium aufgefangen werden. Das gilt für Studierende natürlich ebenso. Durch die Vertragssituation ist die Fluktuation in dem Bereich deutlich höher.

Was belastet Grundschul-Lehrkräfte noch?

Merten Die Belastungen sind vielschichtig. Einerseits ist es der Mangel an Personal, der die Verantwortung und viel Arbeit auf wenige Schultern verteilt. Dann ist Schulentwicklung derzeit für viele Kollegien ein Fremdwort. Schule verändert sich ständig und muss sich immer neuen Herausforderungen stellen. Das kostet Kraft und ist mit einem Kollegium, das nicht kontinuierlich zusammenbleibt, fast unmöglich. Andererseits wächst die Bürokratie. Zeitweise wird mehr dokumentiert und formuliert als unterrichtet. Auch die Schulleitungen sind über Gebühr belastet: Besonders die Grund- und Förderschulen leiden darunter, dass sie nur wenige Tage eine Sekretärin vor Ort haben und zu ihren umfangreichen Aufgaben auch noch das Sekretariat selber besetzen müssen. Dadurch entstehen natürlich viele Probleme, neue Belastungen und auch Unzufriedenheit – dies merken die Eltern beispielsweise daran, dass der Kontakt zur Schule kaum noch funktioniert.
Weber Es stimmt, wir haben viel zu viel Bürokratie. Das Ministerium spricht seit Jahren von Erleichterungen. Davon spüren wir in den Schulen allerdings nichts.

Sie sprechen von unzufriedenen Eltern. Wie sieht die Lage aus Lehrersicht aus?

Merten Da geht es hauptsächlich um den schwindenden Respekt vor der Institution Schule und wachsende Gewalt gegen Lehrkräfte. Seit Corona nehmen wir wahr, dass die Hemmschwelle vieler Eltern gesunken ist. Sie werden übergriffig oder erstatten schnell Anzeigen. Da bauen sich ungewohnte Fronten auf, mit denen vor Jahren niemand gerechnet hätte. Wir müssen regelmäßig Kolleginnen und Kollegen an die VBE-Rechtsabteilung weiterleiten.
Weber Das kostet alles Energie, und weder die alten noch die jungen Lehrkräfte sind darauf vorbereitet.

Gibt es etwas, was zur Entlastung des Lehrkörpers beiträgt?

Weber Die Lesementoren sind zum Beispiel eine absolute Erfolgsgeschichte. Die Kinder sind im Umgang mit ihnen entspannter, da es in diesen Situationen nicht den Druck von Noten gibt. Sie können sich für einzelne Kinder Zeit nehmen und sie beim Lese-Lernprozess begleiten. Die Lesementoren sind Ehrenamtler.
Merten Eine der besten Maßnahmen sind die Alltagshelfenden. Sie unterstützen seit letztem Sommer die Lehrkräfte beim alltäglichen Handeln. Die Alltagshelfenden werden durch Geld aus nicht besetzten Lehrstellen finanziert. Die Maßnahme ist allerdings bis 2025 befristet und wir haben beim ersten Aufschlag für ganz Solingen auch nur fünf Alltagshelfer bekommen. Mit der Zeit stieg die Zahl, aber sinnvoll wären mehrere pro Schule. Diese Maßnahme muss zudem langfristig gesichert werden. Die Finanzierung darf jedoch nicht durch fehlende Lehrkräfte geschehen, sie muss additiv sein.

Wir haben viel über die Lehrkräfte gesprochen. Wie geht es den Schülerinnen und Schülern?

Weber Die Kinder haben sich durch Corona verändert. Die Unselbständigkeit hat zugenommen, die Konzentrationsfähigkeit abgenommen. Die Kinder können kaum noch abwarten; auch in den dritten und vierten Klassen merken wir das immens. Hausarbeiten werden jetzt bewusst oft in einer Lernzeit in der Schule gemacht – eine Änderung, die ich sehr gut finde. Die Resonanz bei den Eltern ist aber unterschiedlich. Wichtig für mich ist, dass wir hier gewährleisten können, dass jedes Kind bei den Hausaufgaben unterstützt wird und Hilfe bekommt, wenn es sie braucht.
Merten Wir sprechen über eine extrem große Heterogenität und letztendlich Inklusion. Seit zwei Jahren, also nach den Lockdowns, kommen immer mehr Kinder zu uns, die ehrlicherweise gar nicht schultauglich sind. Diese Zahl ist explosionsartig gestiegen. Konzentrationsfähigkeit, basale Fähigkeiten, Wahrnehmung, soziale Kompetenzen, das hat bei vielen Kindern rapide abgenommen. Das kostet die Lehrerinnen und Lehrer Kraft und bremst im Umkehrschluss ganze Klassen massiv aus. Wir brauchen nun neue Konzepte, um auf diese Bedürfnisse adäquat reagieren zu können. Schulkindergärten, die vor Jahrzehnten gestrichen wurden, wären jetzt wichtig. Wir müssen die Kinder direkt zu Beginn auf die Spur bringen, damit ihre Schullaufbahn nicht schon zu Ende ist, bevor sie wirklich angefangen hat. Die Elternhäuser sind damit häufig überfordert.

Was muss Schule also anbieten?

Weber Wichtig wäre beispielsweise der Einsatz von Logopäden und Ergotherapeuten im schulischen Vormittagsbereich. Sie würden die Familien und Lehrkräfte entlasten.
Merten Das Modell der Familienzentren – mit Zeiten von 8 bis 16 Uhr – wird ein möglicher Weg sein, den Schule gehen kann. Schule muss sich wandeln, das steht außer Frage. Dabei spielt der Ganztag eine entscheidende Rolle. Einige Grundschulen haben sich hier schon auf den Weg gemacht, aber das wird dauern. Trotzdem dürfen wir den Kopf nicht in den Sand stecken. Außerdem muss es mehr Sonderpädagoginnen und -pädagogen und Sozialpädagogische Fachkräfte für die Schuleingangsklassen geben. In Solingen haben wir im Bereich der Sonderpädagogik eine Stellenbesetzung, die nichts mehr mit auskömmlich zu tun hat. Das ist eine absolute Katastrophe. Der Mangel wird ansatzweise durch Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen kompensiert. Die brauchen wir aber zusätzlich und nicht als Ersatz.

Stichwort Wandel: Ist die Digitalisierung auch bei den Grundschulen angekommen?

Weber Die Digitalisierung wurde in Solingen in vielen Bereichen vorbildlich vorangetrieben. Nach dreieinhalb Jahren sind wir auf einem guten Weg, der aber natürlich noch immer nicht optimal ist. Jede Schulklasse verfügt zum Beispiel über einen fest installierten Beamer mit digitaler Tafel. Und neue Lehramtsanwärter müssen jetzt eine Prüfungsstunde zum Thema digitaler Unterricht mehr machen. Das bringt die neuen Kolleginnen und Kollegen direkt in die Digitalisierung.
Merten Was wir aber deutlich kritisieren müssen: Obwohl unsere Kommune finanziell am Limit ist, muss sie Kosten tragen, die das Land verursacht. Die Gelder für unsere dienstlichen Endgeräte kamen von Bund und Land. Die sogenannten Ewigkeitskosten, die wesentlich höher sind, müssen allerdings von den Kommunen getragen werden. Hier duckt das Land sich förmlich weg und lässt seine Schulträger im Regen stehen. Ein Digitalpakt 2.0 ist längst überfällig. Die Zuständigkeiten zwischen Kommune, Land und Bund sind sehr kompliziert. Klar ist nur: Ab jetzt fehlen Gelder.

An der Augustastraße entsteht die 22. Solinger Grundschule. Wird mit ihr alles besser?

Merten Naja, ob alles besser wird, weiß ich natürlich nicht, aber ihre Gründung entzerrt besonders die Situationen in den Innenstadtschulen. Ihr großer Vorteil ist, dass sie voll digitalisiert arbeitet und jedem Kind einen Ganztagsplatz anbieten kann.
Weber Und dass sie sehr modern ausgestattet ist. Ich denke, wir werden sehen, wie Grundschulen in Zukunft aussehen können. Das wird sehr interessant und bringt neue Impulse.

Und trotzdem fehlen ihr noch Schüler.

Weber Man hatte gehofft, dass ganz viele Eltern ihre Kinder anmelden würden. Immerhin wird die Schule digital voll ausgestattet und bietet ausreichend Ganztagsplätze. Außerdem kann sich das Schulteam komplett neu aufstellen und neue, eigene pädagogische Leitlinien erarbeiten. Die Crux scheint aber für die Eltern zu sein, dass die Schüler die ersten vier Jahre an der Krahenhöhe untergebracht sind und die Augustastraße gar nicht sehen werden. Womit i-Dötze aus der Innenstadt ihre Schule nur noch per Bus erreichen können.
Merten Als ich vor 16 Jahren als Grundschullehrer in der Grundschule Stöcken anfing, wurden kurz darauf die ersten Schulgebäude geschlossen. Die Entwicklung von Schülerzahlen ist langfristig kaum berechenbar, und es ist alles sehr schwerfällig. Vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung eines Schulneubaus kann es durchaus zehn Jahre dauern. Das erleben wir doch gerade am Schulzentrum Vogelsang. Aktuell haben wir eine sehr hohe Zahl an Schulneulingen. Das zieht sich über Jahre bis in die weiterführenden Schulen durch. An manchen Standorten gibt es ein Zeit lang viele Geburten, und der Bedarf an Plätzen ist riesig. Wenige Jahre später ist dann eine ganze Generation aus dem Grundschulalter herausgewachsen. Das erleben wir gerade besonders in Aufderhöhe. Ohligs boomt hingegen. Die Folgen werden sich zwar in der Zukunft erst zeigen, aber genau das ist der Grund für eine zukunftsgewandte und weitsichtige Schulentwicklung.

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