Schüler erinnern an Stadtgrenze Solingen/Langenfeld an Opfer des NS-Regimes

Gedenken : Schüler erinnern an Opfer des NS-Regimes

Vor 74 Jahren ermordeten die Nazis kurz vor Kriegsende 71 Männer am Wenzelnberg.

Plötzlich entstand das Bild eines Menschen vor den Augen der Zuhörer, eines Mannes mit Familie, Geschichte, nicht länger nur die Nummer 36 auf einer langen Todesliste. „Hier liegt Paul“, sagte Marko Röhrig bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung für die 71 Männer, die die Gestapo kurz vor Kriegsende 1945 am Wenzelnberg ermordete.

Paul Lisziun war einer von ihnen und Röhrigs Urgroßonkel. Mit seinem Vater Reinhold Röhrig jr. und seinem Opa Reinhold Röhrig, Lisziuns Neffe, hatten sie die Geschichte recherchiert. Durch einen Zufall war Marko Röhrig vor über 25 Jahren auf die Geschichte Lisziuns gestoßen, als er nach seinem ersten Besuch der Gedenkveranstaltung mit seiner Uroma über den Wenzelnberg sprach. „Dort liegt auch der Paul“, erzählte sie damals von ihrem jüngsten Bruder. Erst Jahre später sollte sich herausstellen, dass der Mann, der in den Unterlagen der Gestapo als Paul Liszum vermerkt war, sein Urgroßonkel war. „Wir konnten damit zeigen, dass auch Menschen aus dem Bergischen am Wenzelnberg ermordet wurden“, sagte Röhrig mit Blick auf die Heimat der Familie in Remscheid.

Gestaltet hatten die Gedenkfeier in diesem Jahr Schüler der Langenfelder Prismaschule. Auf die Frage, warum sie sich als Zehntklässler mit der Geschichte auseinandersetzen wollten, antworteten sie: „Wir wollen die Botschaft der Toleranz und Liebe verbreiten.“ Aus der Grausamkeit des Verbrechens sollten auch heute noch alle lernen und die Demokratie mehr zu schätzen wissen. Symbolisch verbanden sich die Schüler mit weißen Bändern an den Daumen: zum einen, um mit den Händen eine Friedenstaube zu formen, zum anderen als Erinnerung daran, dass die Männer vor 74 Jahren an die Grube geführt und paarweise an den Daumen zusammengebunden durch Genickschuss getötet wurden.

Für jeden Toten legten die Schüler eine weiße Rose nieder. Auch Langenfelds Bürgermeister Frank Schneider wandte sich am Sonntag gegen das Vergessen: Weil die Gräueltaten des Nazi-Regimes mittlerweile über 70 Jahre zurücklägen, stellten sich Menschen die Frage, ob es mit dem Erinnern nicht langsam genug sei. „Diesen Phrasen will ich eine Absage erteilen: Wir werden nicht müde, an die Grausamkeiten des Naziregimes zu erinnern“, sagte Schneider. Gerade angesichts aktueller Tendenzen sei das wichtiger denn je. „In Deutschland dürfte es eigentlich gar keine Partei geben, die rechte Ideen vertritt. Die Realität sieht anders aus“, sagte er.

Mehr von RP ONLINE