Solingen: Rockerprozess: Alarmstufe rot

Solingen: Rockerprozess: Alarmstufe rot

Unter massivem Polizeischutz begann Donnerstag der Mordprozess gegen einen Rocker, der den Solinger Hells Angels zugerechnet wird. Auch in Solingen blieb alles ruhig, aber das Verfahren in Duisburg kam nur schleppend in Gang.

Nur gelegentlich schaute gestern ein Streifenwagen der Polizei am Solinger Domizil der Rockergang Hells Angels in Aufderhöhe vorbei. Und lediglich ab und an blieb eines der Fahrzeuge kurz stehen, um schließlich wieder davon zu fahren. "Wir haben ganz normal kontrolliert", berichtete später eine Sprecherin des Wuppertaler Polizeipräsidiums unserer Zeitung – und konnte auch gleich Entwarnung geben. Rund ums "Angels Place" in der alten Gaststätte "Zum Öhm" ging alles seinen gewohnten Gang.

Hubschrauber in der Luft

Wovon Luftlinie rund 40 Kilometer nördlich indes keine Rede sein konnte. Das Duisburger Landgericht, gestern, kurz vor 11 Uhr: Hunderte schwerbewaffnete Polizisten sind im Einsatz, haben vor dem Gebäude Stellung bezogen, ein Hubschrauber kreist über der City der Ruhrgebietsstadt. Denn ab jetzt muss sich ein 31-jähriger Mann, der dem Solinger Hells Angels-Ableger "Midland" zugerechnet wird, vor der fünften Kammer des Landgerichts wegen Mordes verantworten. Der Rocker soll im Oktober vergangenen Jahres ein Mitglied der rivalisierenden Gang Bandidos in Duisburg auf offener Straße erschossen haben. Die Tat vor dem Klubhaus der Bandidos hatte seinerzeit einer Hinrichtung geglichen. Und nachdem es in der Vergangenheit bei ähnlichen Verfahren immer wieder zu Zusammenstößen zwischen den verfeindeten Rockergruppen gekommen war, wollten die Ordnungskräfte diesmal mit ihrer massiven Präsenz auf Nummer sicher gehen.

Was nicht allein für die Gegend ums Gericht galt, sondern auch für den Sitzungssaal. Als der 31-jährige Angeklagte schließlich in Handschellen hereingeführt wurde, trennten Beamte eines Sondereinsatzkommandos im Zuschauerraum die verfeindeten Rocker, die hier Platz genommen hatten. "Wir hatten abgesprochen, dass beide Gruppen mit einer kleinen Abordnung anreisen würden, um den Prozess zu beobachten", erklärte später der zuständige Polizeidirektor Rainer Blaudzun, der als Einsatzleiter fungierte und am Ende des ersten Tages Entwarnung geben konnte: Alles war ruhig geblieben.

Dabei wirkte auch der Beschuldigte selbst äußerlich durchaus gelassen. Rotes T-Shirt, Tätowierungen an beiden Armen sowie am Nacken, ein lässiger Gruß an die Kumpel auf den Zuhörerbänken – der 31-Jährige machte nicht den Eindruck, angesichts des Mordprozesses sonderlich nervös zu sein. Im Gegenteil, als sein Rechtsanwalt Rüdiger Böhm am Ende des ersten Verhandlungstages rügte, dass ein Präsidiumsbeschluss zur Ernennung eines Ersatzrichters und von Ersatzschöffen nicht rechtens sei, quittierte dies der Angeklagte mit einem Feixen und hochgerecktem Daumen. Zuvor schon hatte sein Verteidiger mit zahlreichen Anträgen dafür gesorgt, dass das Verfahren nicht recht voran kam. Die Staatsanwaltschaft schaffte es noch nicht mal, die Anklageschrift zu verlesen.

Zeugin an geheimen Ort

Tatsächlich soll der Streit um eine Frau der Auslöser für die Bluttat vom 8. Oktober 2009 gewesen sein, in deren Folge später sogar ein Anschlag mit Handgranate und scharfen Schüssen auf das Hells Angels-Domizil in Solingen verübt wurde. Und dementsprechend wird die Aussage der Frau, die den Angeklagten für den Ermordeten verlassen haben soll, mit Spannung erwartet. Sie befindet sich zurzeit in einem Zeugenschutzprogramm, wird konsequent abgeschottet und ihr Aufenthaltsort bleibt geheim. Der Prozess in Duisburg, der auf zunächst einmal 13 Verhandlungstage festgesetzt ist, wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt.

(RP)