Solingen: Qi Xu - von einem Märchenerzähler zum wilden Reiter

Solingen : Qi Xu - von einem Märchenerzähler zum wilden Reiter

Fliegende Finger und tiefsinnige Formgestaltung: Pianist Qi Xu eröffnete die Saison der "Jungen Pianisten Elite".

Wer vor einem Dschungel steht und - statt Reißaus zu nehmen - hineingehen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Man kann sich blindlings mit der Machete zuschlagend, hineinstürzen. Oder man tastet sich vorsichtig aber seiner selbst sicher hinein, achtet auf böse Fußangeln und gute Wegmarken.

Der Dschungel ist in diesem Fall das Spätwerk Beethovens - manchmal spröde, immer eigenwillig und nicht jedem Zugang gewährend. Und der in diesem Zusammenhang nobelpreisverdächtig zu nennende Urwaldforscher ist der junge chinesische Pianist Qi Xu. Mit einer atemberaubenden Glanzleistung eröffnete er am Sonntagabend die Saison der Konzertreihe "Junge Pianisten Elite" im Meistermannsaal des Kunstmuseums.

Im Zentrum des mit rund 180 Gästen sehr gut besuchten Konzerts steht die Sonate Nr. 28 A-Dur op. 101 des aus Bonn stammenden Komponisten. Sie markiert den Beginn von Beethovens letzter Schaffensphase. Hier wird die sich allmählich auflösende Sonatenform zum Spiel im Spiel. Verhalten, aber mit sicherem Schritt, wagt sich Qi Xu in die langsame Einleitung, mit der kurios das Werk beginnt. Zurückhaltend gestaltet der Pianist diesen Satz wie einen Als-ob-Beginn: mysteriös und schwebend.

Dann erst lässt der 1994 geborene Chinese umso lebhafter den Hauptsatz von der Leine, durchleuchtet und durchläuft das oft gegeneinander laufende motivische Flechtwerk. Ein Halten gibt es da fast nur vor der Reprise, als der Künstler ein hütendes Innenhalten zelebriert.

Spätestens jetzt ist klar, dass Qi Xu nicht nur wegen seiner stupenden Technik dem Namen der Konzertreihe alle Ehre macht, sondern dass der fast noch jugendliche Künstler über höchst ausgeprägten Formsinn und Gestaltungswillen verfügt. Das zeigt sich auch im Finalsatz, in dem Beethoven die Masken fallen lässt. Qi Xu taucht den markanten Rhythmus des Hauptthemas in fließende Dynamik. In den fast schon leichtfertig flotten Abschnitten tanzen die Finger über die Tasten.

Aber dann: Fast als Aha-Erlebnis gestaltet er die Fuge über das Hauptthema. Der besonders von Beethoven geschätzte und studierte Bach lässt hier herzlich grüßen. Virtuosität und ausgeklügelter Sinn für Dramaturgie zeigt Qi Xu im ersten Teil des Konzertes - ausschließlich mit Werken von Chopin. Perlende Tonkaskaden über markant gesetzten Akkorden zeichnen drei Etüden aus op. 10 aus: Dennoch kitzelt Qi Xu den jeweils ganz eigenen Charakter dieser kurzen Stücke heraus.

Als Märchenerzähler entpuppt sich der Mann am Klavier im Nocturne Nr. 2 Des-Dur op. 27: voller Poesie und doch voller Klarheit. Wie über einem nächtlich dahinströmenden Fluss erhebt sich glitzernd das Thema. Qu Xi lässt diese musikalischen Fluten anschwellen, abebben, sich steigern und schließlich entschwebend münden. Dramaturgie bis in den einzelnen Ton bietet das Scherzo Nr. 3 cis-moll. Virtuosität wird hier zum Vehikel einer Gestaltungskraft, in deren Schatten sie fast verschwindet. Mit offenen Mündern und Ohren staunt das Publikum über ein wahres Kabinettstück des jungen Pianisten: In rasenden Läufen, irrwitzigen Akkordbrechungen und dahinstürmenden Bassketten lässt Qi Xu den Kosaken-Hauptmann Mazeppa über die weite Steppe jagen.

Bravorufe gibt es für die furiose Darbietung der gleichnamigen Etüde von Franz Liszt. Wer diese am Schluss des Abends miterleben konnte, weiß, warum Qi Xu zum renommierten Chopin-Wettbewerb nach Warschau eingeladen ist.

(RP)