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Prozess wegen fünffacher Kindstötung in Solingen

Solinger Kindsmord-Prozess : Angeklagte offenbarte sich Gutachtern

Die mutmaßliche Solinger Mörderin von fünf ihrer sechs Kinder hat sich psychiatrischen Gutachtern anvertraut. Sie berichteten am zweiten Prozesstag dem Gericht aus den Gesprächen.

Die Angeklagte im Prozess um die Tötung von fünf Kindern in Solingen schweigt weiter. Stattdessen erzählten am zwei Verhandlungstag vor dem Landgericht Wuppertal zwei psychiatrische Gutachter vom Leben der Mutter, in dem es Andere gewesen sein sollen, die für Chaos sorgten.

Ein Vater, bereits vor Jahren wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt und derzeit erneut angeklagt, weil er die 28-Jährige in deren Kindheit sexuell missbraucht haben soll. Ein Bekannter, der sie mit zwölf Jahren vergewaltigt haben soll. Und am Ende ein Ehemann, der beinahe zehn Jahre lang das „siebte Kind“ gewesen sei. Derweil sei der Alltag der Mutter und ihrer sechs Kinder nahezu unbeeindruckt weitergelaufen. Sie habe ihn loswerden wollen, und als er kurz vor der Tat grinsend und in sicherer Entfernung auf seinem Handy herumgetippt haben soll, habe sie ihn gefragt, ob er eine Freundin hat. Ihr selbst wäre das angeblich recht gewesen. Er dagegen habe ihr gesagt, das er sie über alles liebe und dass sie es doch nochmal versuchen sollen. Er habe unbedingt noch ein Kind gewollt.

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Man hört all diese Dinge, dann schaut man auf die Solingerin – und irgendwann fragt man sich, ob das alles so gewesen sein kann. Oder ob es nicht sie selbst war, die den Vater ihrer vier jüngsten Kinder nicht hatte loslassen können. Ihn habe anfangs fasziniert, dass sie als Mutter zweier Kinder keine „Partymaus“ gewesen sei, sondern Verantwortung getragen habe. Penibel habe sie die Haushaltskasse verwaltet, jedes Jahr sei man gemeinsam in den Urlaub geflogen. Die Kinder seien allesamt pflegeleichte Wunschkinder gewesen, Probleme habe es nie gegeben. Am Ende habe sie die Polizei rufen müssen, weil der Noch-Ehemann inmitten dieser On-Off-Beziehung damit gedroht haben soll, sich vom Balkon zu stürzen.

Sie selbst habe hingegen noch nie daran gedacht, sich umzubringen. Bis auf das eine Mal damals als Zwölfjährige, nachdem der „Bekannte“ sie vergewaltigt habe. Und dann nochmal am 3. September, dem Todestag von fünf ihrer sechs Kinder. Da habe sie nach deren Tod gefühlt, dass sie mit diesem Schmerz nicht leben könne. Gesprungen sei sie in Düsseldorf aber nicht vor den Zug, sondern allenfalls getaumelt

Zwei der drei Söhne hätten an diesem Morgen gequengelt, weil sie krank waren und schon ein Schnupfen gereicht habe, um nicht in die Schule gehen zu dürfen. Die drei Mädchen waren ohnehin zu Hause, und als es an der Türe geklopft und sie geöffnet habe in dem Glauben, es sei ihr ältester Sohn, habe da plötzlich dieser fremde Mann in der Wohnung gestanden. Der habe sie angesprochen und gesagt, dass er jetzt ihr Leben zerstören werde, so wie sie zuvor seines zerstört habe. Er sei es auch gewesen, der sie dazu gezwungen habe, ihre Kinder eigenhändig zu ersticken. Und dazu habe er noch „Spaß mit ihr haben wollen“.

Und dann weinte die Angeklagte plötzlich: Es war das erste Mal in diesem Prozess, und auch nur für einen kurzen Moment. Kindheitstraumatisierungen, seelische Abspaltungen oder die Angst vor dem Kontrollverlust: Vielleicht lässt sich am ehesten hier ein Motiv für die Tat suchen.

Der Prozess wird fortgesetzt.