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Prozess nach Familienstreit: Solinger Angeklagter nimmt Berufung aus Kostengründen zurück

Prozess nach Familienstreit : Berufung aus Kostengründen zurückgenommen

Ein 61-jähriger Solinger hatte beobachtet, wie der Stiefsohn ein Reifen seines Autos zerstechen wollte. Nach einem Ausraster war er vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt worden – jetzt folgte das Berufungsverfahren.

Freunde kann man sich aussuchen, Verwandtschaft nicht. Das gilt auch für den Fall des heute 61-jährigen Lastwagenfahrers, der vor Jahren in Solingen in eine dort ansässige Familie eingeheiratet hatte. Im Februar diesen Jahres war er vom Amtsgericht Solingen wegen gefährlicher Körperverletzung in einem minder schweren Fall zu drei Monaten Haft und wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt worden. Zusammengefasst und zur Vermeidung der Haft wurde daraus eine Geldstrafe von 5000 Euro.

Spannungen habe es im Familienverbund wohl von Anfang an gegeben, besonders mit dem Sohn aus der ersten Ehe seiner Frau. Dieser wohnte zwar nicht mehr Zuhause, hatte aber mit der Großmutter dort einen engen Kontakt. Und da sie ihm Geld für ein Auto geliehen hatte, dessen Raten er vereinbarungsgemäß monatlich brav bediente, kam er öfter am ehemaligen Elternhaus vorbei. Dort warf er das Geld verabredungsgemäß in ihren Briefkasten.

Mit der gleichen Regelmäßigkeit und zum gleichen Zeitpunkt war aber anschließend am Fahrzeug des Angeklagten vor dem Haus mindestens ein Reifen platt. An Zufall glaubte der Angeklagte irgendwann nicht mehr und legte sich im Juli vorigen Jahres auf die Lauer. Als er den Stiefsohn vor seinem Auto knien sah, brannte ihm die Sicherung durch. Mit einer Holzlatte habe er auf ihn eingeschlagen – eine Verletzung am Oberschenkel, die in einer Klinik behandelt werden musste und eine 14-tägige Krankschreibung soll die Folge gewesen sein. In seiner Wut soll er auch die Freundin des Sohnes beleidigt haben, die in einer Nebenstraße in dessen Fahrzeug gewartet habe.

Stimmt so nicht, ließ der Anwalt des Angeklagten verlauten. Die Freundin sei nie beleidigt worden und nicht mit einer Holzlatte, sondern mit einem zufällig auf der Straße liegendem Ast habe er auf den Arm des Verdächtigten geschlagen und nicht auf den Oberschenkel. Dadurch sei dessen Handy heruntergefallen. Die Oberschenkelverletzung könne nicht von dem Schlag hergerührt haben. Also sei er in die Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts gegangen.

Die Richterin blieb gelassen, hatte keinen Fehler im Verfahren des Amtsgerichts finden können und wies darauf hin, dass der Schlag wohl unzweifelhaft erfolgt sei – das sei der Grund für eine Bestrafung wegen gefährlicher Körperverletzung gewesen. Ohne Tatwerkzeug, also ohne den möglicherweise sogar morschen Ast, der beim Schlag zerbrochen war, hätte man sicher über den Tatbestand „Einfache Körperverletzung“ reden können.

So aber sei das Solinger Urteil korrekt und zudem wegen des angenommenen minder schweren Falls an der untersten Grenze der Strafzumessung geblieben. Die mögliche Beleidigung sei nur zu einem geringen Teil eingeflossen. Das Wiederaufrollen des gesamten Prozesses aber würde erhebliche Kosten verschlingen, die er zu tragen haben würde – das Urteil selbst dürfte auch ohne den Vorwurf der Beleidigung im gleichen Rahmen bleiben – die Körperverletzung könne nicht wegdiskutiert werden.

Aus dieser finanziellen Zwickmühle heraus nahm der Angeklagte die Berufung zurück.