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Prozess-Fortsetzung nach Messerattacke in Solingen

Prozess nach Messerattacke in Solingen : Die Geschichte einer irakischen Familie

Die Geschichte des 54-jährigen Solingers irakischer Herkunft und des Messerangriffs auf seine Ehefrau wurde im Prozess vor dem Landgericht Wuppertal aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

Die Frau war am 30. Januar gegen Mitternacht schwer verletzt aus der Wohnung auf die Mühlenstraße geflüchtet und dann in eine Klinik gebracht worden.

Ein pensionierter Physiker, mittlerweile zum Freund der Familie geworden, erzählte vor Gericht die Familiengeschichte, wie er sie erlebt habe. Danach sei der Iraki, ein Kurde aus Mossul, im näher rückenden Bürgerkrieg um 2015 wegen seiner Zugehörigkeit zum jesidischen Glaubens zwischen alle Fronten geraten. Bis dahin sei er ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einem Straßenbau-Unternehmen und einem Großhandel für Obst und Gemüse gewesen. Ein Bombenattentat in Mossul habe er nur knapp überlebt, der älteste Sohn verlor dabei einen Fuß und musste später einen weiteren halben Fuß amputieren lassen.

Vor allem deswegen habe der Mann sich mit seiner Familie zur Flucht nach Europa entschlossen, mit seinem nicht unbeträchtlichen Vermögen habe er die Schlepper bezahlt. Auf dieser Flucht wurde die Familie mit ihren zehn Kindern erst in alle Winde zerstreut, die Ehefrau mit einem Teil der Kinder in Rumänien festgehalten, erst später mit zwei älteren Töchtern zusammengeführt. Die älteren Söhne habe es sogar über Brasilien und weitere Stationen in das Flüchtlingslager Bursa in Griechenland verschlagen, wo der schwer verletzte Sohn operiert werden konnte.

Dass sich ihre Lebenswege hier kreuzten, sei das Verdienst einer guten Freundin aus Lettland gewesen. Diese habe den Physiker um Hilfe vor allem mit der deutschen Bürokratie gebeten, in deren Mühle eine Freundin von ihr geraten sei – diese sei eine Tochter aus der geflüchteten Familie, die es schon nach Deutschland geschafft hatte. In der Folge habe sich seine Unterstützung auf die ganze Familie ausgeweitet, er sei Ratgeber, Freund und sogar in Notfällen finanzieller Unterstützer geworden.

Der Vater habe den Wechsel nur schwer verkraftet. Die selbstbewusste Emanzipation seiner Kinder und auch seiner Frau, die Isolation durch eigene mangelnde Sprachkenntnisse, der Verlust der Existenzgrundlage habe ihn vom Podest des alles bestimmenden und für alles verantwortlichen Patriarchen heruntergekegelt in eine eher unwichtige Ecke – so könne man sich den Frust des Vaters vorstellen.

Dass Alkohol im Spiel gewesen sei bei der Messerattacke, dessen waren sich ein Ersthelfer, der aus einem Linienbus der Stadtwerke heraus die lebensgefährlichen Schnittwunden der Frau versorgte und auch ein Polizist, der sich um den Mann kümmerte, einig. Und dass ein kleiner Sohn heulend die Mutter aus dem Haus geleitet habe und mehrmals gerufen hatte, „Der Papa war’s“, wurde von mehreren Zeugen bestätigt.