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Solingen: Plädoyer für die Hauptschule

Solingen : Plädoyer für die Hauptschule

Nach der Ablehnung an einer Gesamtschule und der schmerzlichen Erfahrung an einer Realschule hat Familie Herrig ihren Sohn zur Hauptschule Ohligs geschickt – und positive Erfahrungen gemacht. Ein beispielgebender Fall.

Nach der Ablehnung an einer Gesamtschule und der schmerzlichen Erfahrung an einer Realschule hat Familie Herrig ihren Sohn zur Hauptschule Ohligs geschickt — und positive Erfahrungen gemacht. Ein beispielgebender Fall.

Heike Herrig kann sich noch gut an das Aha-Erlebnis erinnern, als sie damals die weiterführende Schule für ihren Sohn Norman ausgesucht hat. Real- und Gesamtschulen schaute sie sich mit ihrem Kind bei den Informationstagen an — und sie trafen auf Hunderte anderer Eltern samt Viertklässler aus den Grundschulen.

"Es war total voll." Den Tag der offenen Tür einer Hauptschule nutzten Herrigs ebenfalls und trauten ihren eigenen Augen nicht. "Wir waren an diesem Samstagvormittag die einzigen."

Eltern machen um die Hauptschule einen weiten Bogen. Das ist Realität am Anmeldetag; und es hat unlängst im Schulausschuss erneut die Gemüter erhitzt und eine Debatte um die vierte Gesamtschule sowie die Zukunft der Hauptschule losgetreten.

"Mein Sohn hat gewonnen"

"Wir entlassen Kinder in die Perspektivlosigkeit. Wenn wir das als Schulausschuss nicht wahrhaben wollen, versündigen wir uns an der nachfolgenden Generation", hatte Vorsitzender Dr. Hans-Joachim Müller-Stöver (SPD) eindringlich vor einem Schulsystem der Verlierer gewarnt, weil so viele Hauptschulabgänger mit ihrem Zeugnis keine Lehrstelle bekämen.

Herrigs haben sich allerdings nicht als Verlierer gefühlt, weil das Kind zur Hauptschule Ohligs gegangen ist; im Gegenteil: "Mein Sohn hat im Endeffekt gewonnen.

Die Hauptschule konnte mit seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche umgehen. Sie hat ihn und seine Stärken gefördert." Heike Herrig hat erlebt, wie sich die Hauptschule stark gemacht hat, die Kinder auf den Beruf vorzubereiten — beispielsweise mit umfänglichen Praktika in Betrieben.

Dennoch: 44 Ablehnungen musste ihr Kind durchstehen, bis es mit der 45. Bewerbung die ersehnte Lehrstelle bekam. Bedauerlich findet sie, dass Firmen bei einer Bewerbung nur auf die Noten schauen — und den Schulkopf des Zeugnisses. Das erklärt aus ihrer Sicht das schlechte Image der Hauptschule. Eltern hätten Angst, dass den Kindern so viele Berufswege verschlossen bleiben.

Das Image sei aber das eine, die Wirklichkeit das andere. "Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht", betont Heike Herrig, die sich in der Stadtschulpflegschaft engagiert. Sie war mehrere Jahre Pflegschaftsvorsitzende der Hauptschule Ohligs.

"Die Schulform ist nicht anerkannt." Auch im eigenen Bekanntenkreis hat Familie Herrig dies erlebt. Am Ende der Grundschulzeit stehe man unter Leistungsdruck, das Kind möglichst auf dem Gymnasium oder wenigstens auf einer Realschule beziehungsweise einer Gesamtschule anzumelden. "Man wird von der Außenwelt unter Druck gesetzt."

Auch deshalb hatten Herrigs ihren Sohn Norman zuerst auf der Gesamtschule angemeldet, bekamen mit rund 300 anderen Eltern die Ablehnung und schickten ihr Kind dann zur Realschule. Ihr Sohn habe dort jedoch "enorm gelitten". Wegen schlechter Noten sei er ausgelacht, von der Klassengemeinschaft nicht akzeptiert und ausgegrenzt worden. Mit dem Wechsel zur Hauptschule Ohligs habe er sich dann sehr positiv entwickelt. "Vorher saßen 30, dann nur noch 22 Kinder in einer Klasse."

Für Heike Herrig wäre die vierte Gesamtschule jedenfalls keine Lösung: "Wo sollen die anderen Kinder hin? Es wären doch noch immer Hauptschüler übrig."

Wolfgang Sinkwitz, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, spricht ebenfalls von dem ungelösten Problem der vierten Gesamtschule. Es sei ein Dauerdiskussions-Thema: "Doch die Schulpolitik hat keine Antwort."

(RP)