Interview mit Otmar Schick: Muckemau feiert Karneval mit Niveau

Interview mit Otmar Schick : Muckemau feiert Karneval mit Niveau

Solingens älteste Karnevalsgesellschaft finanziert ihre große Galasitzung durch den Verkauf von Reibekuchen.

Früher gab es vier Solinger Vereine, die ihre Galasitzungen im Theater und Konzerthaus veranstalteten. Die KG Muckemau ist als einziger übrig geblieben. Wie hoch ist der Aufwand?

SCHICK Sehr hoch. Unser Literat Jochen Ritter hat heute schon Vorverträge für 2020 abgeschlossen; das Programm für 2019 ist fast fertig. Wir machen keinen Remmidemmi-Karneval mit Herren- und Damensitzungen. Das entspricht nicht dem Brauchtum Karneval und unserer Philosophie. Es kommt uns auf das Niveau an.

Niveau und bekannte Namen müssen aber oft teuer bezahlt werden.

SCHICK Die Sitzung kostet uns zwischen 16.000 und 18.000 Euro. Es gibt beispielsweise keinen anderen Solinger Verein mit einer achtköpfigen Sitzungskapelle, die mit ihrer Musik sofort aufs Stichwort reagiert. Trotzdem wollen wir den Eintrittspreis auf keinen Fall über 29 Euro steigen lassen.

Und damit lassen sich alle Ausgaben bestreiten?

SCHICK Wir machen seit Jahren rund 5000 Euro Verlust. Das Defizit wird übers Jahr durch den Verkauf von Reibekuchen getilgt, wie zuletzt beim verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt.

Ihre Sitzungen sind immer stark Köln-lastig. Warum?

SCHICK Es kommen auch gelegentlich Düsseldorfer Künstler. Einige Düsseldorfer geben sich aber selber gerne als Kölner aus. In Köln herrscht eben eine ganz andere Atmosphäre. Es fängt schon damit an, dass es kein richtiges Düsseldorfer Platt gibt. Bei Hochdeutsch ist der Pfiff schon weg.

Nun ist die Klingenstadt auch nicht für ihre närrische Atmosphäre berühmt. Wie sind Sie als Solinger zum Karneval gekommen?

SCHICK Ich bin ja gar kein gebürtiger Solinger. Ich bin 100prozentiger Niedersachse, komme aus der Lüneburger Heide, wo Karneval so gut wie unbekannt ist. Solingen ist da schon fast eine Hochburg. Als ich 1973 nach Solingen umgezogen bin, wurde ich hier Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Böckerhof. In deren Räumen tagte damals die KG Muckemau. Man hat mich gefragt, ob ich einen Teil der Tanzgarde zu einer Veranstaltung nach Köln fahren könnte. Das war im Gürzenich meine erste große Sitzung. Das hat mir sehr gut gefallen.

So gut, dass Sie am 11. 11. 1979 selbst bei der KG Muckemau eingetreten sind, der Sie seit 2002 vorsitzen.

SCHICK Früher durfte bei der Muckemau niemand außerhalb der Session eintreten. Da hat es inzwischen einige Änderungen gegeben. So habe ich eingeführt, dass wir auch Frauen aufnehmen. Von den 29 aktiven Mitgliedern der KG, das sind die mit den roten Jacken, sind sieben weiblich. Insgesamt haben wir mehr als 70 Mitglieder.

Die 1900 gegründete KG Muckemau ist die älteste Karnevalsgesellschaft Solingens. Andere wie die Gelben Funken und Romeryke Berge existieren gar nicht mehr, einige der übrigen veranstalten keine Galasitzung. Wie sieht die Zukunft Ihres Vereins aus?

SCHICK Einige unserer Mitglieder sind deutlich über 70 Jahre alt. Wir haben zum Glück aber auch junge Leute, sogar im Vorstand. Unser jüngstes Mitglied ist 19, die Geschäftsführerin, eine Jurastudentin, ist 22 und der stellvertretende Schatzmeister 33. Wir haben noch eine Perspektive.

Trotzdem haben Sie dem Alter der Mitglieder Tribut gezollt, beispielsweise beim Umzug am Rosenmontag.

SCHICK Früher haben wir unseren Wagen noch selbst gebaut. Auch am 12. Februar sind wir wieder mit einem eigenen Wagen dabei. Allerdings suchen wir seit einigen Jahren in der Umgebung ein Fahrzeug, das sonst nur an einem Sonntagszug teilnimmt und in etwa dem Solinger Motto entspricht. Das schmücken wir dann um.

Vermissen Sie die Zeit, wo der Umzug noch bis Widdert oder zumindest bis zum Grünewald ging?

SCHICK Eher nicht. Es hat zwar zwei, drei Versuche gegeben, den Weg wieder länger zu machen. Es war aber deprimierend, wenn es etwa ab der Sparkassen-Hauptstelle kein Publikum mehr gab.

Ordensmotto ist "88 Jahre Großstadt Solingen". Welche Ideen gab es noch?

SCHICK "100 Jahre Obus" und "444 Jahre WKC" gehörten dazu. Die Obus-Idee hatte aber auch eine andere Gesellschaft. Wir haben uns für "88 Jahre Großstadt Solingen" entschieden, weil das greifbarer ist als ein närrisches Firmenjubiläum. Die Entwürfe für die Orden machen wir übrigens selbst; gefertigt wird in Bonn.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(flm)
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