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Solingen: Miteinander in der Hasseldelle

Solingen : Miteinander in der Hasseldelle

Anwohner schätzen die Hasseldelle besonders für ihre schöne Lage. Während die Gagfah-Siedlung zusehends verkommt, sind die Wohnungen des Spar- und Bauvereins sehr beliebt. Jetzt will die Gagfah verkaufen.

Wenn Heide Tresselt die Gardinen an ihrem Schlafzimmerfenster beiseite schiebt, blickt sie ins Grüne und bis nach Cronenberg. "Das ist das Schöne an der Hasseldelle", schwärmt sie. Zum Bedauern der Anwohner macht die Gegend jedoch aktuell Negativschlagzeilen. Schuld daran ist der hohe Leerstand in den heruntergekommenen Gagfah-Häusern, in denen sich rund 420 ehemals öffentlich geförderte Wohnungen befinden.

"Die Hasseldelle ist mehr als nur die Gagfah", sagt Hans-Peter Harbecke, Vorsitzender des Vereins "Wir in der Hasseldelle". Die Siedlung sei idyllisch gelegen, umgeben von einem Naturschutzgebiet. Alle zehn Minuten fahre ein Bus in die Innenstadt. Viele Anwohner seien seit Jahrzehnten nicht umgezogen, so gut gefalle es ihnen hier.

So wie Heide Tresselt. Seit 24 Jahren wohnt sie in der Hasseldelle. "Anfangs hatte ich Bedenken, denn die Gegend hatte schon damals einen schlechten Ruf", erinnert sich die 68-Jährige. "Aber heute bin ich hier nicht mehr wegzukriegen." Insbesondere die sozialen Kontakte möchte sie nicht missen. Mit ihrem Damenstammtisch hat sie eine Caféteria im Bürgerzentrum der Hasseldelle gegründet. Dort treffen sich die älteren Nachbarn zweimal im Monat zu Kaffee und Kuchen.

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Aber auch die Jüngeren fühlen sich wohl. Nicole Zaccardi und Birgit Görtz haben ihre Kinder Leon (3) und Sophia (5) aus der Kita Hasseldelle abgeholt und genießen das schöne Wetter bei einem kurzen Zwischenstopp auf dem Spielplatz. "Die Kinder können toll draußen spielen, hinter den Häusern ist direkt der Wald", sagt die 36-jährige Görtz. Freundin Nicole Zaccardi (39) hat schon als Kind in der Hasseldelle gelebt. Sie ist entsetzt, was aus den Gagfah-Häusern geworden ist. Denn seit das Unternehmen 2004 vom amerikanischen Investmentunternehmen Fortress geschluckt wurde, wird an der Instandhaltung gespart. Es herrscht ein Sanierungsstau bei Fassaden und Fenstern.

"Die Bauaufsicht der Stadt kann nur eingreifen, wenn eine Gefahr besteht", sagt Sabine Rische von der städtischen Pressestelle. Wo dies der Fall gewesen sei, seien Stolperfallen beseitigt und Gerüste auf ihre Standsicherheit geprüft worden. Ansonsten gebe es keine rechtliche Grundlage einzugreifen.

"Die Mieter zeigen ja selbst, was sie davon halten. Sie ziehen weg. Ganze Häuser sind schon leer", klagt Heinz Bockermann. Er lebt seit 38 Jahren an der Hasselstraße in einer Eigentumswohnung, die einst die Gagfah gebaut hat, als sie noch ein gemeinnütziges Unternehmen war. "Fast alle Gagfah-Mieter aus der Hasseldelle haben sich inzwischen an uns gewandt", bestätigt Gerlinde Rothlübbers vom Mieterbund Rheinisch-Bergisches Land. 2010 seien für eine gemeinsame Mängelliste, allein über den Zustand der Außenanlage, mehr als 150 Unterschriften zusammengekommen. "Die Probleme in den Wohnungen kommen noch dazu."

Dass die Kritik an der Immobiliengesellschaft berechtigt ist, findet auch Heide Tresselt. Die 68-Jährige wohnt im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses des Spar- und Bauvereins (SBV) Solingen. Im letzten Jahr wurden die Außenwände und Fenster erneuert. Die Fassaden sind in freundlichem Gelb und Blau gestrichen.

Während in den grauen Klötzen der Gagfah-Siedlung offiziell ein Viertel der Wohnungen leer steht — Anwohner gehen von mehr als der Hälfte aus —, habe der Spar- und Bauverein weniger als fünf Prozent freie Wohnungen, berichtet Jürgen Schlude vom SBV. Rund 240 Wohnungen bietet die Genossenschaft in der Hasseldelle an. "Die meisten Leerstände sind fluktuationsbedingt", erklärt Schlude. Wenn ein Mieter ausziehe, werde die Wohnung erst einmal saniert, bevor sie weiter vermietet werde. "Das kommt gut an."

So gut, dass die Genossenschaft bereits vermehrt Anfragen von Mietern der Gagfah-Häuser erhalte. "Einige sind bereits Mitglied beim Spar- und Bauverein und sagen, dass sie nicht mehr länger bei der Gagfah wohnen wollen", berichtet der Genossenschaftsmitarbeiter. Auf diese Neumieter stelle sich der Spar- und Bauverein auch schon ein.

Vielleicht ist das aber bald nicht mehr nötig. Der WDR meldete am Dienstag, die Gagfah wolle ihre beiden Solinger Siedlungen verkaufen. Käufer soll die Residential Grundstücks GmbH mit Sitz in Berlin sein. Dies sei im Grundbuch der Stadt bereits vermerkt. Auch der Kaufpreis stehe schon fest: knapp 21 Millionen Euro. Es bleibt zu hoffen, dass der neue Eigentümer dann auch in die Sanierung investiert. Die Firma wollte sich gegenüber unserer Zeitung nicht dazu äußern.

(RP)