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Solingen: Mit Knoblauch gegen Blutsauger

Solingen : Mit Knoblauch gegen Blutsauger

Mit Pfahl und Hammer bewaffnet schleicht er sich langsam durch die Dunkelheit heran. Wachsam und vorsichtig, denn in dieser Gruft ist es alles andere als geheuer. Neben dem offenen Sarg kniet er nieder. Aber nicht zur Andacht. Mit gekonntem Hammerschlag treibt Claus Wilcke den Holzpflock ins Herz von Michael Halbey. Dieser bäumt sich im Sarg auf, spuckt Blut und verendet zuckend.

Mit diesem schauerlichen und für das Publikum zugleich höchst vergnüglichen Finale schließt die Geschichte um den wohl bekanntesten Vampir. In den Kammerspielchen Gräfrath gab es am Samstag sehr viel Applaus bei der Premiere von "Graf Dracula". In der Konzeption und Inszenierung von Ronald F. Stürzebecher hat der 1897 erschienene Brief-Roman von Bram Stoker den Weg auf die Bühne gefunden. Da konnte man von Anfang an gespannt sein, wie dieser - je nach Ausgabe - über 400 Seiten lange Roman wohl umgesetzt werde. Das geschah spannend und überzeugend.

Verdichtet spielt die Handlung fast ausschließlich im Hause des Arztes Dr. Seward - Vorangegangenes wird in Erzählungen nachgereicht. Dass es unheimlich wird, merkt der Besucher sofort. Denn gleich am Eingang bekommt man ein Kruzifix und eine Knoblauch-Knolle um den Hals gehängt - denn: Sicher ist sicher. Durch schwarze, von der Decke hängende Plastikbahnen muss man den Weg zu seinem Platz suchen. Ebenso ausgestattet öffnet sich flügelartig der Bühnenvorhang, und die schwarzen Planen streifen über die Köpfe der Zuschauer wie Fledermaus-Schwingen.

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Von dramatischer Musik untermalt, nimmt nun das Schicksal seinen Lauf. Dr. Seward (wunderbar altmodisch gespielt, fast wie eine Figur aus einer Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens: Michael Oenicke) erwartet seinen Freund und Kollegen Prof. van Helsing. Er erhofft sich Hilfe. Denn seine Tochter Lucy leidet an einer seltsamen Krankheit. Noch ahnt keiner, dass die Ursache der in der Nachbarschaft eingezogene Graf Dracula ist, der dem Töchterchen nächtens den Lebenssaft abzapft. Van Helsing aber kommt ihm langsam auf die Schliche: eine richtige Paraderolle für Claus Wilcke. Trefflich gibt er den scheinbar schon vertrottelten Professor mit seinen unterschiedlichen Socken. Dahinter aber ist ein wacher Geist, der das Treiben des Bösewichts allmählich durchschaut. Wilcke und seinem Gegenpart Michael Halbey als Dracula merkt man richtig den Spaß an ihren Rollen an. Ohne sie zu überziehen, weht doch stets der Atem der Ironie über der Szene.

Schön gruselig wird es auch, wenn etwa der Herr Graf mit seinem blassen Gesicht und seinem langen Umhang unvermutet hinter der Fensterscheibe auftaucht, in fahles Licht getaucht. Überhaupt spielt die Inszenierung sehr effektvoll mit dem Licht. So wird im Dialog zwischen van Helsing und Dracula Claus Wilcke hell ausgeleuchtet, während Michael Halbey in einem grünlichen Schwarz-Weiß bleibt. Und blutrot strahlt die Bühne, wenn Dracula das Hausmädchen Polly (munter-resolut: Jutta Friese) für seine bösen Zwecke hypnotisiert. Dr. Sewards Tochter Lucy ist eine dankbare Rolle für Mirjam Mayr. Mal ist sie das kranke, unschuldige Mädchen mit den großen Augen, mal bricht der verführerische Vamp hervor.

Denn bei den Vampiren geht es auch um Sinnlichkeit. Das verwirrt Lucys Verlobten Jonathan Harker (zwischen herzhaft und hilflos taumelnd: Kris Köhler). Und dann ist da ja noch der Pfleger Mr. Butterworth (mal zupackend, mal verzweifelt: Detlef Wegner), der auf den "Lieblingsirren des Alten" aufpassen muss - und der ihm doch immer wieder entwischt. Denn Mr. Renfield ist mit Meister Dracula im Bunde. Dem verrückten Fliegen-Esser gibt Niklas Peternek richtig affenartig Zucker - fast schon als Parodie auf alte Schauerfilme.

Alles zusammen ergibt amüsante und spannende zwei Stunden Theater. Wer sich an den dunkeln Wintertagen also unterhaltsam gruseln möchte, sollte sich nach Gräfrath in die Gerberstraße aufmachen.

(crm)