Mit dem Medimobil zur Demo nach Berlin

Solingen: Mit dem Medimobil zur Demo nach Berlin

Dr. Christoph Zenses demonstriert in der Bundeshauptstadt für eine medizinische Versorgung bei Armut.

Gesundheit, befürchtet der Solinger Internist Dr. Christoph Zenses, sei wohl doch nicht für alle da. Die nüchterne Statistik zur Sterberate zeige das ganze Elend auf: 31 Prozent der von Armut betroffenen Männer erreichen nicht das 65. Lebensjahr. Und das bei einer bundesdeutschen Lebenserwartung von über 78 Jahren oder 81 Jahren bei Frauen.

Wenn Zenses und Anja Kolle-Meyer von der Praxis ohne Grenzen am kommenden Dienstag vor dem Brandenburger Tor in Berlin demonstrieren, dann tun der Mediziner und die Arzthelferin das für eine vergessene Minderheit, die in Deutschland längst die Millionengrenze erreicht hat.

Mit dem knallgelben Medimobil, das sonst in der Klingenstadt Obdachlose und Arme versorgt, werden Zenses und zwei Helfer zum Kongress "Armut und Gesundheit" fahren, einer Veranstaltung, zu der bis zu 3000 Interessierte und Sozialmediziner in die Hauptstadt kommen. "Vor dem Brandenburger Tor werden am Dienstagabend Gesundheitsmobile aus ganz Deutschland stehen", macht Zenses die Dimension der Veranstaltung deutlich. "Armut darf in einem der reichsten Länder der Welt, nicht bedeuten, früher zu sterben" , sagt der Internist, der in Ohligs mit Partner Dr. Stefan Kochen eine Praxis betreibt.

Zenses engagiert sich seit Jahrzehnten für die medizinische Versorgung der Armen in Solingen. Egal, ob im Medimobil oder in der von ihm gegründeten Praxis ohne Grenzen: Der Arzt gilt in der Stadt als Motor bei der Bekämpfung eines lange tabuisierten Problems: fehlende Gesundheits-Chancen für von Armut betroffenen Menschen.

Immens ist die Zahl derer, die sich aus wirtschaftlichen Gründen keine Krankenversicherung und keinen Arztbesuch leisten können. Und längst sind das nicht mehr nur Obdachlose und Drogensüchtige. Kleinunternehmer, wie etwa Taxifahrer, Handwerker, Wirte oder auch freie Journalisten trifft es statistisch besonders.

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Allerdings steckt bei manchen im eigenen Schicksal auch ein bisschen Mitschuld. Schuld, wenn man irgendwann aus der Versicherung ausgestiegen ist - oder wegen Schwarzarbeit nie drin war. Mit fatalen Folgen: Elf Jahre Lebenserwartung bei Männern und acht Jahre bei Frauen beträgt der Unterschied zwischen dem reichsten und dem ärmsten Viertel der deutschen Bevölkerung. Wer arm ist, stirbt früher und war davor intensiver krank. Das Risiko, an einem Herzinfarkt, an einem Schlaganfall, an Diabetes oder an Bronchitis zu erkranken, ist bis zu dreimal höher.

Wer von Bedürftigkeit betroffen ist, würde in unserem Sozialstaat unzureichend oder gar nicht medizinisch versorgt, wenn es nicht Armutspraxen wie die in Solingen oder die des Mainzer Professors Gerhard Trabert geben würde. Bevor Christoph Zenses 2007 seine Solinger Praxis ohne Grenzen gründete, besuchte er Trabert in der Gutenbergstadt. Beide, Zenses und Trabert, sind weltweit für die Armen im Einsatz. Der Mainzer ist gerade aus Syrien zurückgekommen, der Ohligser war im Sommer als Schiffsarzt auf dem Flüchtlingsrettungsschiff "Sea Watch II" im Mittelmeer dabei. Er wird im April ein Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos betreuten.

In Solingen kommen in die Donnerstagssprechstunde der "Praxis ohne Grenzen" bis zu zehn Patienten. Viele davon stammen aus dem Ausland, sie sind geflüchtet. Zenses erklärt, aufs Jahr gerechnet kommen 40 Prozent der Menschen aus Osteuropa und damit Ländern wie Rumänien und Bulgarien. "Weitere 40 Prozent der Patienten sind Geflüchtete aus allen Gebieten der Welt", schätzt der Mediziner. Weitere 20 Prozent der Patienten sind Deutsche.

Er und weitere 14 Kollegen aus dem Ärztenetzwerk Solimed betreuen die Bedürftigen ehrenamtlich. Bedürftige, so Zenses, die sonst keinen oder nur beschränkten Zugang zu medizinischer Hilfe haben. Dabei, so der Ohligser Arzt, müsse doch gerade die Gesundheit ein Menschenrecht sein. Eine Forderung vieler Mediziner weltweit. Nicht von ungefähr heißt die Berliner Kundgebung am Dienstagabend genau so.

(RP)
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