Mein Solingen: Meigen - die Hofschaft mit dem ältesten Chor

Mein Solingen: Meigen - die Hofschaft mit dem ältesten Chor

Meigen war vor 60 Jahren noch „halb ländlich“. Aber auch heute wohnt man in Solingens Osten eher ruhig und mit viel Natur in der Nähe. Für die Jugend von damals galt das Gebiet um die Fachwerkhaus-Siedlung als Abenteuerspielplatz.

Meigen ? Das ist da, wo keine zwei Pkw aneinander vorbeipassen und die Straßen in Richtung Osten oft in Feldwegen enden, hinter denen die Wupperhänge und die Stadtgrenze liegen. Meigen ist aber auch die Hofschaft, die Deutschlands ältesten Männerchor hervorgebracht hat: den Bergischen Sängerkreis Solingen-Meigen 1801. Acht Jahre nach der Feier zum 200-jährigen Bestehen schlossen sich die Meigener mit dem Bergischen Sängerchor Solingen-Widdert 1886 und dem Männerchor Hästen-Dorperhof 1857 zum Bergischen Männerchor Solingen 1801 zusammen.

An die Ursprünge der von Johann Wilhelm Willms, einem Lehrer, gegründeten Meigener Singgesellschaft erinnert ein Denkmal vor der Grundschule. Es ist bereits das zweite: Der 1939 erbaute Vorgänger war marode geworden. 1991 rissen die Sänger das alte Denkmal ab, im folgenden Jahr konnte das neue eingeweiht werden. „Es könnte wieder etwas Farbe gebrauchen“, sind sich Vorsitzender Jürgen Gerhards und Vereinsmitglied Wolf-Peter Unshelm beim Ortstermin einig: Das Denkmal in Harfenform ist in die Jahre gekommen.

Unshelm, der mit 77 Jahren weiter als Schwertfeger am Heidberg arbeitet, will es wieder auffrischen. Die ersten 27 Jahre seines Lebens hat er in Meigen verbracht und dann von außen verfolgt, wie um die Hofschaft neue Wohngebiete entstanden sind. „Es sind viele Menschen dazugekommen, viele Fachwerkgebäude abgerissen worden“, blickt er auf die zusätzlichen Einfamilienhäuser und Siedlungen. „Wir haben früher ganz anders zusammengehalten. Früher traf man sich auf dem Dürpel zum Tottern oder auf der Straße zum Pöhlchesschiëten. Da durften auch die Kinder mitmachen.“

Für sie war das Gebiet um die Hofschaft ein einziger Abenteuerspielplatz. „Ich bin mit drei Mädels aus unserer Hofschaft zur Schule gegangen“, berichtet Wolf-Peter Unshelm. „Die waren eher wie Jungs. Aber wenn etwas passiert ist, war ich immer der Schuldige.“ Passiert ist wohl genug – bis zum Zündeln am Theegartener Kopf mit doppelter Bestrafung durch Unshelms Vater und den Rektor Fritz Meis. „Er war unser Nachbar.“

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Vieles, was Meigen geprägt hat, gibt es nur noch in der Erinnerung: die Bockstation unterhalb des Naturfreundehauses Theegarten beispielsweise, wo Ziegen- und Schafsböcke darauf warteten, dass Muttertiere zum Decken vorbeigebracht wurden. „Die Station ist Mitte der 60er Jahre abgerissen worden“, weiß Unshelm. Er hat auch noch die Umzüge des Hahneköppervereins vor Augen, während Jürgen Gerhards den „riesigen Sommerfesten an der Schule“ nachtrauert: „Wir haben sie bis 2001 gefeiert. Dann gab es Unstimmigkeiten mit einer Lehrerin.“

Keinerlei Missklänge gab es dagegen beim Spar- und Bauverein Solingen: Für ihn gingen die „Meigener“ 1959 sogar auf die Straße, als die neuen Häuser am Sängerweg bezugsfertig waren – bezog sich der Straßenname doch ausdrücklich auf Deutschlands ältesten Männergesangsverein. In der damals noch „halb ländlichen Szenerie“ Meigens, so ein Artikel in der Rheinischen Post, bedankten sich die Chormitglieder mit Stücken wie „Droben im Oberland“ und „Süß‘ Liebe liebt den Mai“.

Heute reicht das Repertoire vom Schlager und der Volksmusik über Spirituals sowie Stücke aus Oper, Operette und Musical bis zum Kirchengesang. „Napoleon hat die Sing- und Lesegesellschaften verboten“, blickt Jürgen Gerhards noch einmal zurück. „Danach hat aber schon damals kein Hahn gekräht.“ Wie die Fusionen zeigen, müssen die Chöre aber um Nachwuchs kämpfen. Als 29-Jähriger kam Gerhards 1975 selbst durch eine Fusion zu den „Meigenern“. Durch den Zusammenschluss mit dem MGV Schaberg-Bergischland 1885“ brachte der Bergische Sängerkreis Solingen-Meigen ein Jahr später – bei der Jubiläumsfeier zum 175-jährigen Bestehen, 125 Sänger auf die Bühne.

Sieben waren es, als Lehrer Johann Willms 1801 seine Singschule gründete. In der ersten Satzung von 1803 war auch festgeschrieben, dass die Sänger „Direktor“ Willms „getreulich“ beistehen, „wenn der Direktor eine Leiche zu singen hat“. „Heute“, erläutert Vorsitzender Jürgen Gerhards, „treten wir in Senioren- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern auf.“ Denn schöner Gesang kann schöne Erinnerungen bringen und beim Genesen helfen – vor allem, wenn er von Deutschlands ältestem Männerchor kommt.