Solingen: Mehr Offenheit im Umgang mit dem Sterbewunsch

Solingen : Mehr Offenheit im Umgang mit dem Sterbewunsch

Das lange tabuisierte Thema ist zuletzt wieder stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: In Zeiten, in denen unter anderem der Selbstmord der an Krebs erkrankten Brittany Maynard kontroverse Diskussionen entfacht, und sich der Bundestag mit den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Beihilfe zum Freitod befasst, bezieht auch die evangelische Kirche in Solingen Stellung.

"Wir glauben an einen Gott des Lebens", stellt Superintendentin Dr. Ilka Werner klar und wendet sich somit gegen die liberale Gesetzgebung zur Sterbehilfe in der Schweiz und den Benelux-Staaten. Zugleich fordert sie jedoch, Menschen, die ihrem Leben angesichts unheilbarer Leiden ein Ende setzen wollen, mit Offenheit zu begegnen. Schließlich sei Selbstmord kein aufrührerischer Akt, keine Sünde, sondern gründe sich in absoluter Verzweiflung.

"Herr Pfarrer, die Ärzte dürfen ja nicht, bitte helfen Sie mir" - wiederholt wendeten sich Todkranke mit Worten wie diesen an ihn, berichtet Pfarrer Karl-Heinz Leppelmann, Seelsorger im Klinikum. "Das Ziel ist es dann, gemeinsam andere Wege auszuloten und zu überlegen, ob es nicht doch eine Chance gibt, ihre Leiden wirkungsvoll zu bekämpfen", erklärt er. Und in der Tat trage dieses Gespräch oft dazu bei, Patienten von ihrem Sterbewunsch abzubringen. "Es gibt Situationen, in denen selbst stärkste Schmerzmittel es nicht mehr schaffen, die Beschwerden von Menschen zu lindern", räumt Leppelmann ein. In diesem äußersten Falle gebe es jedoch noch immer die Möglichkeit der "palliativen Sedierung", die Schwerkranke in einen narkoseähnlichen Zustand versetze.

Der Bundestag will bis zum Herbst 2015 über eine neue Regelung zur Suizid-Beihilfe entscheiden. Dabei geht es um die Frage, ob etwa ein Arzt oder enger Angehöriger auf Wunsch eines sterbenskranken Patienten ein todbringendes Mittel besorgen darf. Derzeit setzt ein Arzt unter Umständen seine Approbation aufs Spiel, wenn er der Bitte eines todgeweihten Patienten nachkommt. "Es muss Gewissensfreiräume und in bestimmten Situationen auch Straffreiheit geben", sagt Ilka Werner, warnt aber vor einer "Erosion" des Rechts auf Leben: "Wenn Ärzte zu Anwälten des Todes werden, würde das auch ihr Berufsbild zerstören."

Vielmehr spricht sich die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises für einen breiteren Lebensbegriff aus: "Zum Leben gehört nicht nur die Phase der Leistungsfähigkeit." Sowohl evangelische als auch katholische Seelsorger engagieren sich im Palliativteam Solingen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). Hier werden schwerkranke Menschen sowohl in häuslicher Umgebung als auch in der eigenen Wohnung begleitet.

Ziel ist es, die Lebensqualität bis zuletzt so hoch wie möglich zu halten, wie auch Karl-Heinz Leppelmann betont: "Es geht darum, vielleicht einfach kurze Momente zu genießen, etwa, wenn die Sonne noch einmal die Nase kitzelt."

(ied)
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