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Matthias Nitsche: „Dann haben wir ein Riesenproblem“

Interview Matthias Nitsche : „Dann haben wir ein Riesenproblem“

Die Stiftung Botanischer Garten bittet wegen der Corona-Krise um Spenden und freut sich über Helfer.

Am kommenden Sonntag müssen Sie zum ersten Mal die beliebte Ostereiersuche ausfallen lassen. Wie viele Kinder betrifft das?

Nitsche Bis Mitte März hatten wir bereits 110 Anmeldungen. 130 Kinder hätten wir maximal suchen lassen können. Neben dem Imkerfest ist die Ostereiersuche unsere älteste Veranstaltung. Beide haben wir 2004 eingeführt, nachdem die Stiftung 2003 die Betreuung des Botanischen Gartens übernommen hatte. In den vergangenen Jahren gab es immer 150 bis 170 telefonische Anmeldungen. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal ein Anmeldeformular auf unsere Homepage gestellt und konnten so allen per E-Mail absagen.

Es ist nicht die einzige Absage.

Nitsche Wir mussten wegen der Corona-Auflagen alle unsere Veranstaltungen für April absagen. Was im Mai passiert, steht noch nicht fest: Wir gehen zu 70 Prozent davon aus, dass wir auch das Mai-Programm absagen. Am 2. Mai sollte beispielsweise unsere größte Veranstaltung stattfinden, der Botanische Garten- und Blumenmarkt. Die Planungen habe ich zusammen mit einer Kollegin vor über einem Jahr begonnen – alles in unserer Freizeit. Insgesamt haben wir 80 bis 90 Veranstaltungen pro Jahr. Von Ostern bis Ende Oktober gibt es jeden Sonntag ein Angebot. Je länger die Krise dauert, desto mehr stehen auf der Kippe.

Bei vielen Veranstaltungen haben Sie Partner. Im Juni sind Sie beispielsweise Mitveranstalter, wenn die Stadt zum zweiten Mal zum „Langen Tag der Stadtnatur“ einlädt.

Nitsche Wir haben gerade erfahren, dass der Tag der Stadtnatur abgesagt wurde. Wenn ich denke, dass „Rock am Ring“ im Juni mit 90.000 Zuschauern stattfinden soll ...

Was bedeuten die ganzen Absagen für Ihre Finanzen?

Nitsche Wenn die Veranstaltungen wegbrechen, ist das für uns ein Riesenproblem – denn sie werfen im Regelfall ein Plus ab. Wir haben ja auch einen gastronomischen Betrieb angemeldet, verkaufen am Kiosk unter anderem Getränke, Kuchen und Eis. Das ist schon ein ordentlicher fünfstelliger Betrag, den wir verlieren. Die Veranstaltungen sind neben Spenden und Patenschaften eine der Haupteinnahmequellen. Gibt es keine Veranstaltungen, sinkt auch die Spendenbereitschaft, denn wir leben von der Mundpropaganda. Im März haben wir kaum Spenden bekommen.

Und deshalb müssen Sie jetzt Vorhaben aufschieben?

Nitsche Wir haben einiges auf Eis gelegt. So lassen wir etwa keine weiteren Hinweisschilder anfertigen, obwohl die Edelstahlträger dafür schon einbetoniert wurden.

Die Gewächshäuser sind seit Mitte März geschlossen. Selbst der Aufenthalt im Park war einige Tage lang verboten. Wann können Besucher wieder ins Tropenhaus – nicht nur, um dort zu heiraten?

Nitsche Die Stadt möchte es vermeiden, die Parkanlage zu schließen – damit zumindest die Naherholungsflächen offen bleiben. Wann die Schauhäuser wieder geöffnet werden dürfen, steht in den Sternen.

Das Tropenhaus soll neue Scheiben bekommen. Ist die Renovierung durch die wegbrechenden Einnahmen gefährdet?

Nitsche Wir haben durch viele Spender, auch große wie die Stadt-Sparkasse, die zweckgebundenen Mittel zusammen. Es geht nur noch um die Unterzeichnung eines sogenannten Bauherrenvertrags; das Tropenhaus gehört der Stadt. Von ihr erhoffen wir uns auch dringend Hilfe beim Bauantrag. Nur dabei hakt es jetzt. Es ist momentan etwas chaotisch. Neben den neuen Scheiben wollen wir auch mit Hilfe eines Klimacomputers die Belüftung, Beleuchtung, Heizung und Bewässerung steuern. Wir erwarten eine Einsparung bei den Stromkosten von 20 bis
30 Prozent.

Schränken die Corona-Auflagen die aktiven Vereinsmitglieder bei ihren Arbeiten ein?

Nitsche Die gesamte Schließanlage gehört der Stiftung. Unsere Helfer können jederzeit in den Garten und die Gewächshäuser. Unsere Pflegeteams bestehen meistens ohnehin aus zwei Personen. Die Helfer hocken nicht aufeinander; einige kommen vor-, andere nachmittags oder am Wochenende. Auch die Schauhäuser sind mit 28 x 8 Metern so groß, dass man sich aus dem Weg gehen kann.

Viele Ihrer Helfer gehören vom Alter her zur Risikogruppe.

Nitsche Ich habe große Hochachtung, dass sie sich weiter engagieren. Einige nehmen dafür auch weite Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich. Auch Flüchtlinge machen bei uns mit. Ich danke allen Helfern und würde mich freuen, wenn sich noch weitere melden.

Wie sieht die Zukunft aus, wenn die Einnahmen ausbleiben?

Nitsche Je weniger Veranstaltungen es werden, desto kritischer wird es für uns. Ich hoffe, dass die Stadt bei den Pflege- und Betriebskosten auf uns zukommt. Vorhandene zweckgebundene Mittel wie etwa die für die Sanierung des Alpinums können wir ja nicht für die Miete an die Stadt oder die Versicherungen einsetzen. Außerdem freuen wir uns jetzt doppelt über jede Spende.

Seit 2005 versenden Sie zum Jahresende Spendenaufrufe an rund
7000 Haushalte. Veronica Ferres, Christoph Kramer und Sylvia Löhrmann haben schon für den Botanischen Garten geworben. Mit Erfolg?

Nitsche Es sind Einnahmen, auf die wir angewiesen sind. Wenn es sich um einen noch aktiven Politiker handelt, funktioniert es allerdings nicht so gut. Für 2020 suchen wir noch einen Prominenten.

Toilettenpapier ist weiter knapp. Bleiben die Toiletten trotzdem offen?

Nitsche Die Toiletten sind während der Öffnungszeiten des Parks weiter zugänglich. Die Stadt reinigt und desinfiziert sie täglich. Wer die Toiletten sauber vorgefunden hat, sollte sie allerdings auch möglichst so hinterlassen.