„Man will in Solingen keinen höherklassigen Fußball“

Interview mit Peter Deutzmann vom 1. FC Solingen : „Man will keinen höherklassigen Fußball“

Der Vereinsvorsitzende des 1. FC Solingen ist ein intimer Kenner der Fußball-Szene der Klingenstadt.

Denk ich an den Solinger Fußball in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Träumen Sie vom Fußball, Herr Deutzmann?

Deutzmann Ich träume eigentlich nicht vom Fußball im Allgemeinen, sondern eher von höherklassigem Fußball in Solingen und wie man dieses Ziel unter Einbeziehung der Solinger Wirtschaft, aber auch mit Unterstützung der Stadt Solingen erreichen könnte.

Das wird wohl ein Traum bleiben ...

Deutzmann In den letzten gefühlt 20 Jahren waren zumindest weder die Stadt noch die Wirtschaft bereit, eine Basis für höherklassigen Fußball in Solingen zu schaffen.

Wo sehen Sie hierfür die Gründe?

Deutzmann Nach all den Insolvenzen der Union, dem damals höchstklassigen Vereins, und des andauernden Dornröschenschlafes der restlichen ambitionierten Vereine ist das nicht verwunderlich.

Für jemanden, der sich seit Jahrzehnten für den Fußball in Solingen engagiert, ist diese Erkenntnis sicher sehr schmerzhaft.

Deutzmann Natürlich schmerzt dieses ,Rumgekrebse‘ in den Kreis- und Bezirksligen. Auch der VfB Solingen, aktuell als höchstklassiger Verein wenigstens noch in Liga 6 vertreten, sprich Landesliga, kommt nicht so recht vorwärts. Das liegt unter anderen auch daran, dass es nicht eine einzige taugliche Sportanlage in Solingen gibt, welche wenigstens die Grundvoraussetzungen bietet, um mal ein paar hundert, oder gar tausend Zuschauer unter Vorgabe der Mindestvoraussetzungen des Westdeutschen Fußballverbandes zuzulassen.

Hier denken sie sicher an das jüngst erneut aus Sicherheitsgründen abgesagte Heimspiel des VfB gegen den FC Remscheid.

Deutzmann Ja, und das zeigt allein schon die eigentliche Misere.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation in Zukunft ändert?

Deutzmann Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich sage, dass es nur durch Bündelung der Kräfte funktioniert. Allerdings gelingt dies auch nur dann, wenn die Ideen der Kräftebündelungen bereits im Vorfeld so ausgearbeitet werden, dass jeder überzeugt davon ist, mitgenommen und nicht abgehängt zu werden. Die Idee der Fusion Ditib und Vatanspor war grundsätzlich zumindest mal ein Anfang, TSV und Sportring genauso.

Aber auch diese Fusionen hatten so ihre Begleitmusik.

Deutzmann Ja, denn was bringt es, wenn beinahe zeitgleich ein neuer Verein gegründet wird, nur weil sich einige eben nicht mitgenommen fühlen oder ,ihr Spielzeug‘ nicht mit abgeben wollen? Das ist kontraproduktiv. Aus meiner Sicht sind die wenigen Personen, welche überhaupt noch bereit sind eine Vorstandsfunktion zu bekleiden, gefragt und letztendlich auch für die weitere Entwicklung des Solinger Fußballs zumindest mitverantwortlich.

Was wäre ein erster Schritt?

Deutzmann Zum Beispiel müssten die teils großen Jugendabteilungen der Vereine davon überzeugt werden, dass sie die Basis für erfolgreichen Fußball sind und es ohne sie nicht geht. Ich persönlich bin für ein viel konsequenteres Leistungsprinzip in Form eines reinen, neu zu gründenden Jugendvereins, in welchem sehr gut ausgebildete Trainer von den Vereinen gemeinsam finanziert werden und dort ausschließlich die besten Jugendfußballer und Fußballerinnen eines jeden einzelnen Vereins, beispielsweise ab der D-Jugend, spielen. Gelingt dies, dann wird der Solinger Fußball auch wieder für Sponsoren interessant. Und auch die sich selbst als Sportstadt titulierende Stadt Solingen mit all ihren Verantwortlichen wird handeln müssen.

Was unternimmt Ihr eigener Verein zur Verbesserung der Situation?

Deutzmann Wir haben unmittelbar nach unserem Umzug vom Hermann-Löns-Weg an den Schaberg in einem ersten Schritt Gespräche mit der Fußballabteilung der TG Burg aufgenommen und eine Bündelung der Kräfte vorgeschlagen. Leider wurde diese Idee von Burg abgelehnt. Es macht für mich überhaupt keinen Sinn, dass auf ein und derselben Sportanlage zwei oder zum Teil sogar noch mehr Vereine rumwurschteln. Aber wie gesagt, leider stießen wir hier auf keine Zustimmung. Es wäre ein erster Schritt gewesen, und die Ablehnung hindert uns natürlich auch in der Vereinsentwicklung insgesamt. Wir haben auch anderen Vereinen gegenüber Gesprächsbereitschaft angeboten. In einem Fall war es aber leider so, dass wir erst dann an den gemeinsamen Tisch eingeladen wurden, als das Süppchen bereits gelöffelt war.

Das Stichwort ist gefallen: Hermann-Löns-Weg. Wann waren Sie zuletzt dort? Wie waren die
Gefühle?

Deutzmann Ich war zuletzt am Tag des Auszugs, der Abholung unseres restlichen Vereinseigentums dort, also Anfang Juni letzten Jahres. Es war schon ein seltsames Gefühl. Und klar war es traurig, andererseits war es ja auch weit vorher abseh- und planbar. Und wenn man mal ganz ehrlich ist, und jetzt tun wir mal so, als gäbe es in Solingen noch höherklassigen Fußball, war das Stadion für die heutige Zeit längst nicht mehr tauglich, höhere Ansprüche zu erfüllen, insbesondere was die Auflagen des Verbandes angehen. Von der Infrastruktur einmal ganz abgesehen.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Deutzmann Man hat das Stadion seitens der Stadt in schöner Gleichmäßigkeit mit dem sportlichen Niedergang der Union systematisch verrotten lassen und sich selbst überlassen. Das Ergebnis war ein nicht zu finanzierender Instandsetzungsstau und somit der geplante Abriss. Wie gesagt: Schade drum, aber nicht unerwartet.

Könnte der sportliche Erfolg, also ein möglicher Oberligist, die Stadt in Sachen Stadion zum Handeln zwingen?

Deutzmann Es wird schwierig, denn ich glaube nicht, das Solingen überhaupt will, dass sich der Fußball wieder in höhere Regionen entwickelt. Betrachtet man alleine mal die Planung des Sportplatzes Höher Heide 2. Warum wird hier nicht die Gelegenheit genutzt, eine Anlage zu bauen, welche auch höheren Ansprüchen genügt? Da wird wieder nur ein Platz gebaut, der aber mal überhaupt nichts mit einer eventuellen Entwicklung des Fußballs zu tun hat. Kurzsichtig in allen Belangen. Andererseits verstehe ich auch nicht, warum sich der Fußballkreis hier nicht massiv eingeschaltet hat und die Umsetzung der Anforderungen des Verbandes für den Fall zumindest einer Oberligateilnahme eingefordert hat. Oder anders: Warum lädt die Stadt nicht die Vereine, den Kreis, zu einem gemeinsamen Gedankenaustausch ein?

Kennen Sie den Grund, warum die Diskussion nicht in Gang kommt?

Deutzmann Es gibt einfach keine gemeinsamen Interessen, keine einheitliche Linie zwischen den Vereinen, dem Fußballkreis und der Stadt. Eine Katastrophe.

Sie reklamieren besonders die fehlende Unterstützung von Seiten der Stadt.

Deutzmann Ich könnte sehr viele Beispiele aufzählen, wie die Stadt einer Entwicklung des Solinger Fußballs entgegensteht. Seien es die Kosten in Höhe von, man höre und staune, 400 Euro nur für die Linierung des Rasenplatzes am Schaberg um gegen einen Oberligisten ein Freundschaftsspiel durchzuführen. Seien es die Platzgebühren oder dass die Anbringung von Werbung in Form von Mashbannern, also winddurchlässige Werbeplanen, an den Fangzäunen nicht erlaubt ist. Begründung: Dadurch sei die Standsicherheit dieser Ballfangzäune bei Wind gefährdet. Allein diese haltlose und unfachmännische Aussage ist für mich absolut unverständlich und hindert uns Vereine in der wirtschaftlichen Weiterentwicklung. So etwas ärgert mich ungemein. Ich sage es noch einmal ganz deutlich: In Solingen will man keinen höherklassigen Fußball, zumindest nicht seitens der Stadt. Weder in der Politik, noch in der Verwaltung. Ohne private Investoren wird es meiner Meinung nach also nicht möglich sein, in Solingen auf absehbare Zeit wieder höherklassigen Fußball anzubieten. Und dennoch sind in allererster Linie die Vereine gefragt, hieran was zu ändern.

Kommen wir zum Abschluss zum Sportlichen. Zufrieden können Sie mit der aktuellen Entwicklung des 1. FC Solingen nicht sein.

Dank der Unterstützung vieler Sponsoren konnte der 1. FC ein kleines Vereinsheim am Schaberg bauen. Foto: Meuter, Peter (pm)
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg ist heute Geschichte. Doch die Wehmut der Fans bleibt. Foto: Meuter, Peter (pm)

Deutzmann Bezüglich der sportlichen Entwicklung unserer 1.Mannschaft stimme ich zu. In der Tat hinken wir unseren Zielen nun bereits seit zwei Jahren hinterher. Der Umzug an den Schaberg hat einen nicht unerheblichen Anteil daran mit dem kompletten Verlust der bis dato bestehenden Jugendmannschaften. Auch der sehr kleine Kunstrasenplatz bedurfte einer gewissen Eingewöhnungszeit. Und bis zum Bau unseres kleinen Vereinstreffs hatten wir null Möglichkeiten eines geordneten Vereinslebens. Das wirft einen zurück. In dieser Saison, wie auch in der davor, erwischte uns in einer frühen Phase der Saison eine Negativserie mit dem Ergebnis, dass andere Mannschaften schon frühzeitig davon ziehen konnten. Unsere aktuelle Serie unter dem neuen Trainergespann Jörg Leuninger und Michael Röttgen lässt uns wieder etwas nach vorne schauen. Dennoch wird am Ende der Saison wohl nicht das erhoffte Ziel Aufstieg stehen. So realistisch sollten wir sein, und sind wir auch.

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