Solingen: Mädchen gefoltert

Solingen : Mädchen gefoltert

Mutter misshandelte ihre zwei Töchter über Jahre. Jetzt steht sie mit dem Stiefvater vor Gericht.

Das Mädchen, das da plötzlich, übersät mit blauen Flecken, vor der Tür stand, konnte nach Ansicht der Pflegemutter doch unmöglich schon 14 Jahre alt sein. Eben erst hatte das Solinger Jugendamt bei der Frau angerufen. Es hatte sehr dringend geklungen – und klar, die erfahrene Pflegemutter war sofort bereit gewesen, das Mädchen und seine Schwester bei sich aufzunehmen. Die Kinder mussten schließlich sofort aus ihrer Familie raus, nach all den Misshandlungen, die geschehen waren. Doch so hatte sich die Frau die Mädels dann doch nicht vorgestellt. Vor allem die Ältere war . . . ja wie war sie eigentlich?

Unter eiskalte Dusche gezwungen

„So wie ein babyhaftes kleines Häufchen vielleicht“, versuchte die Pflegemutter gestern Nachmittag in Saal 106 des Amtsgerichts ihren ersten Eindruck von dem damals 14-jährigen, schmächtigen Mädchen zu schildern, das mit seiner vier Jahre jüngeren Schwester seit diesem Tag im Mai 2006 bei ihr lebt – und das von der leiblichen Mutter über Jahre hinweg, wie die Jüngere auch, brutal gequält worden war. Immer wieder soll die Frau ihre beiden Kinder mit einer Hundeleine regelrecht ausgepeitscht, sie bis zu einer dreiviertel Stunde unter die eiskalte Dusche gezwungen und die Kleinere in einem Fall dabei sogar gefesselt haben.

Seit gestern nun muss sich die Ukrainerin mit ihrem deutschen Ehemann, dem Stiefvater der Kinder, wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen beziehungsweise unterlassener Hilfeleistung vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Doch das sind zunächst einmal nur juristische Fachbegriffe, die sicher zur gerichtlichen Aufarbeitung beitragen – aber eben nicht ansatzweise dem Martyrium der Mädchen gerecht werden, das der Vorsitzende Richter schlicht als „Folter“ beschrieb.

Eine Folter wohlgemerkt, die ihren Anfang wohl schon in den zerrütteten Familienverhältnissen zu Hause in der Ukraine genommen hatte. Die heute 36-jährige Mutter, angeblich vom eigenen Vater einst selbst geschlagen, lernte nach der Scheidung von ihrem ersten Mann den jetzt mitangeklagten Solinger kennen. Der war nach privaten Sorgen gen Osten gereist, „um auf andere Gedanken zu kommen“. Kurz und schlecht: Man kam sich näher, heiratete – und 2004 zog die Frau mit den Mädchen zu ihrem Neuen in die Klingenstadt, wo das Unglück schließlich seinen Lauf nahm.

Immer wieder wie aus heiterem Himmel quälte die Mutter die damals erst acht- und zwölfjährigen Kinder, ohne das der Stiefvater Anstoß nahm. „Ich wollte Ruhe. Und außerdem fand ich die Dusche besser als Schläge“, kommentierte der 50-Jährige schlicht, der sich gestern vor Gericht vor allem in Selbstmitleid gefiel. Wie seine Frau auch, die den Kleinen einst mit Steinigung gedroht haben soll, nun aber unter Tränen behauptete, sie habe die Töchter „zu besseren Menschen erziehen“ wollen.

In Wirklichkeit zerstörte sie ihre Töchter. Vor allem die Ältere wird laut Pflegemutter trotz guter Schulnoten niemals mehr ein normales Leben führen. Die heute 16-Jährige will nie erwachsen werden, kann weder Nähe noch Glück ertragen. Die blauen Flecken sind längst verschwunden. Aber manche Wunden verheilen nie.

(RP)
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