LVR-Industriemuseum: Nicole Scheda über Metall und die Selfie-Station

Interview mit Nicole Scheda : „Wir müssen mehr mit Social Media machen“

Die neue Leiterin des LVR-Industriemuseums über das neue Mitmach-Projekt „Metall!“ und eine Selfie-Station.

Ihr Vorgänger Dr. Jochem Putsch hatte ein einschneidendes Erlebnis, als er 1983 während seines Studiums in Frankreich urlaubte: In der Messerstadt Thiers lernte er das neue Schneidwarenmuseum kennen. Was hat Ihr Interesse an der Industrie geweckt?

Nicole Scheda Ein Aufenthalt in der englischen Schneidwarenhochburg Sheffield, wo ich in den 80er Jahren als Austauschstudentin lebte. Dort streikten gerade die Bergarbeiter. Ich fand es toll, wie die Industrie atmete. Das hat mir den Impuls gegeben, nach meiner Rückkehr Industriegeschichte zu studieren.

Die Produktion in Sheffield wird in der laufenden Sonderausstellung zur Schneidwarenindustrie in Europa gewürdigt.

Scheda Sheffield ist Teil der Ausstellung, die noch bis Ende Juni zu sehen ist. Da schließt sich für mich ein Kreis.

Ist auch das Thema Sonderausstellungen für Sie abgeschlossen?

Scheda In der großen Halle wird es künftig weniger eigene Sonderausstellungen geben. Ihre Vorbereitung verschlingt unglaublich viel Zeit, wenn man alles selbst macht. Unsere Besucher kommen weniger wegen der Sonderausstellungen, sondern wegen der fantastischen Fabrik.

Deren große Halle dann leer steht?

Scheda Im Gegenteil. Vom 30. Juli bis zum 8. November gibt es bei uns das Projekt „Metall!“. In der Besucherwerkstatt geht es darum, Metalle kennenzulernen und die Faszination zu erleben, sie mit eigenen Händen zu bearbeiten. In der großen Halle werden Werkbänke stehen, an denen während der gesamten Projektlaufzeit beispielsweise ganze Schulklassen, aber auch einzelne Besucher und Familien arbeiten können. Wir werden auch Maschinen zeigen, die üblicherweise nicht in Betrieb sind – etwa einen Vierschlaghammer und eine Bügelfräse. Bei einigen Workshops kommen auch Schweißgeräte und Plasmaschneider zum Einsatz.

Ist das ein Beispiel für eine neue Ausrichtung des Industriemuseums?

Scheda Es hat schon immer Workshops gegeben. Aber ich werde die Schwerpunkte tatsächlich etwas verschieben. Ich komme aus der Kulturvermittlung, bin Museumspädagogin mit Leib und Seele. Wir wollen versuchen, viele junge Menschen ins Museum zu holen.

Wie bei der Tanzveranstaltung vor zwei Wochen oder dem Kinderfest am Wochenende?

Scheda Richtig. Wir haben drei Arten von Besuchern. Erstens die Schulklassen, die man bereits durch die Atmosphäre beeindrucken kann. Ich denke, dass jeder Solinger Grundschüler, jede Grundschülerin schon einmal hier war. Zweitens die interessierten Einzelbesucher. Und drittens diejenigen, bei denen wir uns mehr anstrengen müssen: Sie sind da, wenn wir etwas Interessantes anbieten. Viele Eltern würden nicht unbedingt auf die Idee kommen, mit ihren Kindern in ein Museum zu gehen. Wir müssen etwas Besonderes bieten – etwa einen coolen Ort zum Tanzen oder zum Gestalten mit Metall. Am übernächsten Wochenende bieten wir wieder die Bühne für die städtische Musikschule und erwarten rund 800 Teilnehmer.

Ihr Vorgänger befürchtete, dass die erste Besuchergruppe, die Schüler, als Brot-und-Butter-Geschäft langsam wegbricht.

Scheda Die Butter wird uns wirklich immer mehr vom Brot genommen. Auch deshalb brauchen wir einen Ausgleich, wenn wir rund 30.000 Besucher pro Jahr behalten wollen – was ein guter Wert für ein mittelgroßes Museum ist.

Wo suchen Sie nach neuen Interessenten?

Scheda Beispielsweise unter den Touristen etwa aus Holland und Belgien. Es gibt ein druckfrisches Planungshandbuch für Gruppen und Reiseveranstalter, in dem die Gesenkschmiede und das Klingenmuseum vorgestellt und Kombinationstipps mit anderen Sehenswürdigkeiten gegeben werden. Im Internet sind die Tipps der Broschüre „Erlesene Ziele, unendliche Entdeckungen“ unter www.dein-nrw.de/kulturland zu finden. Bei der Werbung sind wir auf Unterstützung angewiesen. Wir werden profitieren, wenn sich Solingen und das Bergische Land besser aufstellen.

Was können Sie selbst machen?

Scheda In den nächsten Wochen führen wir wieder Journalistengruppen durch das Industriemuseum. Wir müssen auch viel präsenter bei Instagram und Facebook sein, müssen mehr mit Social Media machen – auch mit Hilfe der Zentrale in Oberhausen. Wir müssen schauen, dass wir nicht aus der Zeit fallen. Wir müssen die Info-Kanäle ändern. Deshalb denke ich an QR-Codes an den Exponaten und eine Selfie-Station, wo sich Besucher in Arbeitskleidung fotografieren können.

Was würde Ihnen die Arbeit erleichtern?

Scheda Wir haben eine ganz dünne Personaldecke. Deswegen sind ehrenamtliche Mitarbeiter für uns wichtig. Wir suchen aber auch Menschen, die auf Honorarbasis Führungen machen und Museumsgespräche anbieten. Wir sehen uns schon als Bildungsort, merken aber, dass Solingen weniger Akademiker hat, die derartige Aufträge annehmen können.

Als Jochem Putsch sich als Museumschef verabschiedete, klagte er über die zunehmende Bürokratie.

Scheda Wir sind ein großes Landesmuseum, und das auch noch dezentral. Die Bürokratie ist groß, aber ich wusste, was auf mich zukommt.

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