Kundgebung in Solingen: Aufnahme von Mittelmeer-Flüchtlingen gefordert

Kundgebung in Solingen : Aufnahme von Mittelmeer-Flüchtlingen gefordert

Im Rahmen der Kampagne „Seebrücke“ demonstrierten am Samstag rund 200 Solinger auf den Fronhof für die Rettung von Schiffbrüchigen.

Ein langgezogener orangefarbener Pfeil auf dem Pflaster der Fußgängerzone wies den Passanten den Weg vom Ufergarten zum Fronhof. Dort wiederum empfingen Girlanden aus Papierschiffchen die Besucher. Sie standen symbolisch für die Vielzahl an kaum seetüchtigen Booten, mit denen in diesem Jahr etwa 60.000 Flüchtlinge das Mittelmeer überquerten – und damit eine gefahrvolle Reise überlebten: Denn für 1500 Menschen wurde das Meer, deren Küsten ein Traumziel für viele Urlauber sind, im selben Zeitraum zum Grab.

An sie erinnerten am Samstag am Fuße der evangelischen Stadtkirche rund 200 Solinger – und richteten eine klare Ansage an die Europäischen Staatenlenker: „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ war auf mehreren Plakaten zu lesen.

Sichere Fluchtwege, die Rettung Schiffbrüchiger und die Entkriminalisierung von Flüchtlingen hat sich die Bewegung „Seebrücke“ auf die Fahnen geschrieben. Sie brachte am Wochenende Menschen in vielen deutschen Städten auf die Straßen, um Abschottungstendenzen und die Blockade von privaten Rettungsmissionen durch Italien und Malta anzuprangern. In der Klingenstadt übernahm das Bündnis „Bunt statt braun“ um den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Werner Bertl die Federführung für die Kundgebung.

Der zitierte zu Beginn der Veranstaltung den ersten Grundgesetzartikel. Es sei an der Zivilgesellschaft in demokratisch verfassten Staaten, die Umsetzung elementarer Rechte einzufordern, rief er den Teilnehmern der Kundgebung zu. Unter ihnen waren auch Mitglieder von Kirchen und Verbänden – und ein Solinger, der die Situation der Flüchtlinge im Mittelmeer aus eigener Anschauung kennt: Internist Dr. Christoph Zenses, seit Mai Träger des „Silbernen Schuhs“ für sein soziales Engagement, hatte sich im Juni an Bord des Rettungsschiffes „Sea Watch II“ um Bootsflüchtlinge gekümmert – und dramatische Erfahrungen gemacht: Er berichtete von Leichen, die im Meer trieben, von vollkommen überfüllten Booten, und von Menschen, die mit schwersten Verletzungen und zum Teil Hautverätzungen dringender Behandlung bedurften – als Folge von Folter und Vergewaltigung in libyschen Flüchtlingslagern. „Es war klar, dass man sie dorthin nicht zurückbringen konnte“, sagte Zenses. Schließlich schreibe das Seerecht vor, Menschen auf einen sicheren Platz zu bringen.

„Die Not von Menschen zu ignorieren, ist zutiefst unchristlich“, betonte auch der nachfolgende Redner Dr. Christoph Humburg vom Caritasverband Wuppertal/Solingen – und wandte sich auch an den im Urlaub weilenden Oberbürgermeister Tim Kurzbach: Der hatte sich mit der „Seebrücke“ solidarisiert und erklärt, in Solingen gebe es wieder Platz, um Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer aufzunehmen. „Ich würde mich freuen, wenn er der Bundeskanzlerin auch ein entsprechendes Angebot unterbreiten würde“, sagte Humburg. Die Städte Bonn, Köln und Düsseldorf hatten das bereits getan. Mit einer Schweigeminute endete die Kundgebung nach rund anderthalb Stunden.

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