Kulturnacht in Solingen Lichtmalerei, Musik und virtuelle Unfälle

Solingen · Musik, Literatur, Tanz, Aktionen zum Selbermachen – mit einem vielfältigen Programm lockten 13 „Kultursterne“ am Samstagabend ihre Gäste an. Bei der Kulturnacht Solingen konnten die Besucher aber auch selber aktiv werden.

Solingen​: Fotos der Kulturnacht 2024
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Das war die Kulturnacht 2024 in Solingen

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Foto: Rouven Böttner

Applaudierende Passagiere kennt man aus Flugzeugen nach der Landung, wenn alle in ihrer Erleichterung darüber, noch am Leben zu sein, dem Flugkapitän Beifall spenden. Aus Linienbussen ist diese Gepflogenheit weniger geläufig – es sei denn, es ist Kulturnacht in Solingen. Denn zu ihrem Markenkern zählt seit der ersten Auflage im Jahr 2011 die Fahrt in Programmbussen. So war es auch am Samstagabend. Wenngleich sich einiges verändert hat: Hatten sich bei der Premiere zusätzlich zu den Auftritten vieler Bands in den hinteren Busreihen sogar Tanzgruppen an den Haltestangen entlang gehangelt, durfte 2023 aus Sicherheitsgründen nur noch beim Ein- und Aussteigen musiziert werden. Diesmal gab es wieder Musik während der Fahrt – dafür aber ohne Instrumente.

Doch auch für die Gesangseinlagen von Solisten mit Halbplayback und die A-capella-Beiträge von Duos und Chören schallte immer wieder Applaus über die Sitzreihen. 13 kulturelle Einrichtungen – vom Veranstalter „Kultursterne“ getauft – im gesamten Stadtgebiet hatten vom Nachmittag bis in den späten Abend hinein ihre Pforten geöffnet. Ausgangspunkt der Reise durch Solingen war für viele Teilnehmer der Hauptbahnhof. Wobei manch einer auf dem Vorplatz, zwischen Musik- und Imbisspavillons, noch an seiner Route feilte. „Am liebsten würden wir alles mitmachen“, verrieten die Gäste Kerstin und Regina beim Durchblättern des Programmheftes. Vor allem zwei bis drei Aktionen hätten sie näher ins Auge gefasst. „Aber die lassen sich mit dem Bus leider nicht so kombinieren, weil man dann immer irgendwo zu spät ankommt“, sagte Regina. Ihre Bekannte ergänzte jedoch: „Wir gucken einfach, was wir machen.“ Die Entscheidung, am kulturellen Rundumschlag in der Klingenstadt teilzunehmen, sei ohnehin spontan gefallen – animiert durch die Werbung auf einer Plakatwand.

Wenige Meter weiter kauften bei sommerlichem Wetter Kurzentschlossene am Infomobil der Solinger Stadtwerke die orangefarbenen Bändchen, die Fahrschein und Eintrittsticket zugleich waren. Auch beim Initiator der Veranstaltung stieg nach monatelanger Vorbereitung die Spannung: „Ich versuche, möglichst viel mitzuerleben“, erzählte Timm Kronenberg, der erneut das Musikprogramm in den Bussen und an manchen Standorten auf die Beine gestellt hatte.

Im Theater und Konzerthaus gab Projektleiter Felix Glücklich vom Solinger Kulturmanagement den Startschuss für das kontrastreiche Programm. Während die Besucher dort die dynamische Tanzeinlage der Gruppe „Xperience“ um die ehemalige Deutsche Hip-Hop-Meisterin Vanessa Chwalek zu lauter Musik aus den Boxen mit Johlen und Zwischenapplaus begleiteten und in Handyvideos festhielten, ließen sie sich in der Stadtbibliothek mit Wein und Häppchen in aller Ruhe auf ihren Stühlen nieder und stellten ihre Telefone auf lautlos. Literaturkritiker Denis Scheck, bekannt aus der ARD-Sendung „Druckfrisch“, stellte dabei sein Buch „Schecks Kanon: Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur – von Krieg und Frieden bis Tim und Struppi“ vor – und bekannte im Hinblick auf den Veranstaltungsort, Bibliotheken seien in seiner Kindheit der „heißeste Scheiß“ gewesen, „den man sich vorstellen konnte.“ Dann ließ er ein Dauerfeuer aus kernigen Zitaten auf die Zuhörer herabregnen wie „Nur lesend verstehen wir die Welt“ oder „Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind Gefängniswärter“. Letztere gebe es auch im Deutschland des Jahres 2024. „Nur dass sie sich Deutschlehrer und Germanistikprofessor nennen.“

Nach so viel konzentriertem Zuhören brauchte es etwas zum Selbermachen. Unter anderem dafür lohnte sich ein Besuch im LVR-Industriemuseum: In dessen Schlüssellager boten Lamara Lautz und Norbert Sarrazin „Lightpainting“ an. Mit allerlei Utensilien, von Taschenlampen bis zu Lichterketten, zeichneten die Gäste Figuren in die Luft, die durch Langzeitbelichtung der Kamera einen neuen Charakter erhielten. Gleich mehrere Bilder nahm Besucherin Heide Orsillo mit: „Jetzt möchte ich noch gerne in die Stadtbibliothek und zum CVJM.“

 Ein volles Programm bot die Kulturnacht am Samstagabend: Es gab Musik, Kunst und Literatur.

Ein volles Programm bot die Kulturnacht am Samstagabend: Es gab Musik, Kunst und Literatur.

Foto: Rouven Böttner

Wer Instrumentalbegleitung auf der Busfahrt zwischen den Schauplätzen vermisste, kam schließlich doch auf seine Kosten – und das, ohne sich vom Fleck zu bewegen: Denn in der Cobra spielten Gruppen wie die „Heart Devils“ oder „Train Train“ Rock`n`Roll-, Blues- und Countryklassiker von Elvis bis zu Johnny Cash vor einer Videoleinwand, die die Reise kreuz und quer durch die nächtliche Klingenstadt simulierte. Und auch Selberfahren war angesagt: Mit einem Joystick konnten die Gäste in der Halle des Kulturzentrums den virtuellen Bus steuern. Bei weniger erfahrenen Spielern mussten da – zum Vergnügen der Beobachter – auch mal das eine oder andere Auto im Gegenverkehr oder Fußgänger am Wegesrand dran glauben. In der Realität sah die Bilanz des Abends jedoch erfreulicher aus, wie Timm Kronenberg berichtete. Bis auf ein technisches Problem eines Busses und minimale Programmänderungen sei alles reibungslos verlaufen. Genaue Besucherzahlen werden in den nächsten Tagen bekanntgegeben. Sie sollen aber laut Kronenberg in Nähe des Vorjahres liegen.

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