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Körperverletzung und Raub in Solingen: Prozess wird neu aufgerollt

Körperverletzung und Raub in Solingen : Prozess wird neu aufgerollt

Derart außerhalb der gesetzlichen Spur bewegte sich offenbar zwischen März und Juli 2019 ein Solinger mit afghanischer Staatsangehörigkeit und ungeklärtem Alter, dass jetzt vor dem Landgericht Wuppertal erneut eine mehrseitige Anklageschrift verlesen werden musste.

In schneller Folge waren das zwei Raubversuche bei Bankkunden in einer Bankfiliale, ein Handyraub im Busbahnhof und drei Diebstahlversuche in einer Flüchtlingsunterkunft. Die Beute: 1000 Euro und eine Packung Eiscreme. Ein misslungener Diebstahlversuch von einem Paar Schuhen eskalierte im Schuhgeschäft mit Morddrohungen gegen Angestellte und Polizisten. Und immer wieder gab es Gewalt gegen Unbeteiligte bei dem Versuch, sie zu berauben.

Das Arbeitsgericht Solingen hatte den Mann im ersten Anlauf bereits zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, aber die Anklage erkannte während der Verhandlung schon, dass bei derart schweren und umfangreichen Vergehen die Strafgewalt des Amtsgerichts nicht ausreichen würde. Deshalb also der Neubeginn am Landgericht Wuppertal.

Schon beim Aufruf des Angeklagten wurde ein für den Ablauf des Prozesses entscheidendes Detail in den Fokus gerückt – der Angeklagte konnte weder die Frage nach seinem Alter noch nach seinem Geburtsdatum beantworten. Geschätzt worden war er bei der unbegleiteten Einreise nach Deutschland auf ein Alter zwischen 16 und 21 Jahren, so dass er vorläufiges Asyl und Unterstützung durch die Jugendschutzbehörden erhalten konnte. Entscheidend ist das nicht nur für seinen Asylstatus, sondern auch für den Prozess: Erwachsenenstrafrecht oder Jugendstrafrecht? Das werden die Richter noch entscheiden müssen. Ein Gutachter der Universität Düsseldorf bestätigte jedenfalls die ungefähre Einschätzung der Einreisebehörde.

Dass keine Dumme-Jungen-Streiche verhandelt werden, zeigte der Angriff auf eine Gruppe Feiernder im Juli 2019, an den sich der Angeklagte nicht erinnern konnte und den er abstritt. Weder kenne er das Lokal noch die Solinger, die er bewusstlos geschlagen und schwer verletzt haben soll. Und er habe dem besonders schwer Verletzten auch nicht die Geldbörse geraubt. Monatelang litt das Opfer unter schweren Kopfverletzungen, mit Auswirkungen bis heute. Auf Fotos bei der Polizei hatten drei der Überfallenen den Angeklagten identifiziert. Ob die Faustschläge zum Tode hätten führen können, muss der Gutachter noch klären.

Für ihn, so konnte man den wirren Reden des Angeklagten deutlich entnehmen, sei der regelmäßige Haschischkonsum und – wenn er Geld gehabt habe – auch ein bisschen Kokain mit seinen Freunden wichtig gewesen. Die Herkunft eigener Verletzungen sollen mal durch eine abgebrochene Bierflasche, mal durch den Fall in ein Gebüsch oder auch durch den Sturz von einer Mauer entstanden sein.

In den nächsten Terminen werden die etwas weniger folgenreichen Angriffe behandelt, auch die Entscheidung des Gerichts über das Jugendstrafverfahren wird erwartet.