In Solingen fehlen Geld und Fachpersonal Kita-Misere – Erzieherinnen sind wütend

Solingen · Bei einer Podiumsdiskussion ließen die Betroffenen Dampf ab: Vor allem der Personalmangel macht ihnen zu schaffen. Die Erzieher und Erzieherinnen sehen sich allein gelassen, zumal ihre Demo vor dem Landtag Ende vergangenen Jahres offensichtlich keine Wirkung gezeigt hat.

 Rund 50 Zuhörer und Zuhörerinnen waren am Mittwochabend zur Podiumsdiskussion der SPD zur aktuellen Kita-Misere gekommen.    Foto:     Alexandra Rüttgen

Rund 50 Zuhörer und Zuhörerinnen waren am Mittwochabend zur Podiumsdiskussion der SPD zur aktuellen Kita-Misere gekommen. Foto: Alexandra Rüttgen

Foto: Alexandra Rüttgen

Die Worte, die die Erzieherinnen an diesem Abend fanden – in überwiegender Mehrzahl waren es Frauen – waren klar und deutlich. „Es geht nicht mehr, und es ist kein winziger Lichtblick da“, sagte eine von ihnen. „Wir sind tatsächlich am Rand, wir sind am Level angekommen“, eine andere. „Es ist einfach so, dass wir kein Ende sehen“, eine nächste.

Zu einem Informationsabend zur Kita-Misere hatte jetzt die Solinger SPD in die Mensa der Alexander-von-Coppel-Gesamtschule eingeladen. Rund 50 Zuhörer waren gekommen, die große Mehrzahl davon Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen. Umso enttäuschter waren diese, dass sich nicht auch eine Großzahl von Eltern eingefunden hatte. Geht es doch um die Betreuung ihrer Kinder, um deren Qualität die Erzieher in Solingen insbesondere wegen des Fachkräftemangels und der aus ihrer Sicht zu geringen Mittelausstattung fürchten.

Dagegen waren die Pädagogen schon einmal Sturm gelaufen – mit einer Kundgebung im Oktober vergangenen Jahres auf dem Solinger Fronhof und einer Demonstration der Wohlfahrtsverbände wenige Tage später vor dem Düsseldorfer Landtag. Rund 22.000 Menschen waren damals in der Landeshauptstadt, davon auch einige aus Solingen – ein starkes Signal, hätte man meinen können. Doch dieses Signal sehen die Solinger Frauen jetzt ohne jedwede Wirkung verpufft. Denn geändert habe sich seitdem nichts, nach wie vor fehlt Fachpersonal, die finanzielle Ausstattung habe sich nicht verbessert. „Die Arbeitsbelastungen sind so massiv, dass unsere Mitarbeiterinnen psychisch am Ende sind. Wir haben einen relativ hohen Krankenstand“, schilderte Dirk Wiebenga, Vorstand des Awo-Kreisverbandes Solingen, der mit sieben Kindertagesstätten zugleich ein wichtiger Kita-Träger in der Klingenstadt ist. Er sei „mit Schwindelgefühlen“ zur Podiumsdiskussion gekommen, denn er sitze gerade über der Wirtschaftsplanung für die Awo-Einrichtungen, „und das Geld, das wir vom Land bekommen, reicht nicht aus.“ Zugleich gebe es in den vergangenen Jahren „deutliche Veränderungen im Kita-Alltag. Die Anforderungen sind massiv gestiegen.“ Sein Resümee: „Ohne mehr Personal in den Kitas werden wir den Herausforderungen nicht gerecht werden können“.

Dirk Wiebenga zur Seite saßen weitere Beteiligte auf dem Podium: Neben der SPD-Fraktionsvorsitzenden und schulpolitischen Sprecherin Iris Preuß-Buchholz auch Dennis Maelzer, Familienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im NRW-Landtag, sowie Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach. Er machte sehr schnell deutlich, dass er sich und die Stadt im selben Boot sieht wie die Erzieher und Erzieherinnen, da auch die Stadt die Lage gerne verbessern würde – allein, ihr fehle das Geld.

„Das Land kommt seiner Verpflichtung zu einer auskömmlichen und gerechten Finanzierung nicht nach“, sagte Kurzbach. Und der Druck wachse, je mehr Flüchtende in die Stadt kommen, deren Kinder ebenfalls in Solinger Kitas betreut werden wollen und sollen. Dagegen habe er gar nichts einzuwenden, betonte Kurzbach, „doch der Kostenträger beteiligt sich nicht mehr an der Entwicklung der Kosten“, richtete er seine Kritik in Richtung Düsseldorf.

Dass unter den ausländischen Mitbürgern durchaus auch Menschen mit einer passenden Qualifikation für einen Kita-Job sind, könne man aufgrund bürokratischer Hürden nicht nutzen, fügten die Politiker hinzu: Die Wartezeit, bis eine entsprechende Ausbildung ausländischer Arbeitskräfte in Deutschland mit dem Status eines Kinderpflegers oder einer Kinderpflegerin anerkannt wird, betrage derzeit ein Jahr, führte Maelzer aus.

Dabei soll die Zahl der Kitas in Solingen und damit auch die Zahl der Erzieher noch steigen. Der Bau von zwölf Kitas in Solingen sei derzeit in Planung, sagte Kurzbach. Mitunter würden Klagen von Anwohnern dagegen die Projekte jedoch in die Länge ziehen.

Was nun also tun? „Wir haben leider keine Traktoren“, sagten die Frauen bedauernd mit Blick auf die Proteste der Landwirte, die aus ihrer Sicht in Öffentlichkeit und Medien einen größeren Nachhall fanden als die eigenen. „Wir müssen auf die Straße gehen, wir müssen vor den Landtag“, sagten andere. Wichtig ist ihnen außerdem, die Eltern und die Arbeitgeber zu mobilisieren, „denn die Wirtschaft wird nicht ignoriert“. Es ist also mit weiteren Protestaktionen von Kita-Leitungs- und pädagogischem Personal zu rechnen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort