Solingen: Kissel lacht sich ins Fäustchen

Solingen: Kissel lacht sich ins Fäustchen

Damit hätten die Politiker wohl nicht gerechnet, dass sie für ihren Besuch auf der Feier von Günther Kissel so viel Gegenwind bekommen. Die Genossen zogen diese Woche sogar die Reißleine und rügten Ernst Lauterjung und Ulrich Uibel für deren nicht abgesprochenen Besuch beim 90-Jährigen.

Unangemessen waren die Erklärungsversuche der eigentlich doch gestandenen Polit-Profis, wie Ernst Lauterjung einer ist: Es sei doch eine Feier der Unternehmensgruppe und damit der Besuch quasi doch politisch unverfänglich. Immerhin sei ja auch die Belegschaft zur Feier eingeladen gewesen. Aus der Einladung, die Günther Kissel verschickt hatte, war nichts von einer Einladung der Kissel-Gruppe zu lesen gewesen. Oder wie Oberbürgermeister Franz Haug, der angab, die „nicht gehaltene Rede“, die wahrlich eindeutige Passagen enthielt, des Geburtstagskindes erst gar nicht gelesen zu haben. Er habe sich bei der Feier nicht wohl gefühlt, berichtete Haug hinterher. Er blieb trotzdem. Die Laudatio auf den umstrittenen Rechtsextremen Kissel hielt ein langjähriger Weggefährte: Verleger Gert Sudholt, Herausgeber der Zeitschrift Deutsche Geschichte. In der rechten Szene ein gern gelesenes Blatt.

Wer sich über all das, was in dieser Woche über die Kissel-Gäste gesagt und geschrieben wurde, wahrscheinlich im Hinterstübchen amüsieren und sich die Hände reiben wird, ist Kissel selber. Er, der 90-jährige Unverbesserliche, ist wieder im Gespräch und mit ihm die rechte Szene. Genau das ist es, was die Rechten wollen: Aufmerksamkeit. Und Kissel hat es auch geschafft, dass eine zumeist rechtschaffende Festgemeinde, die vom Pfarrer bis zum Oberbürgermeister reichte, einer Rede von Sudholt lauschte, die keiner von ihnen im Normalfall auch nur in Auszügen hätte hören wollen.

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Doch die vielschichtigen Reaktion zeigen auch eines: Unsere Demokratie funktioniert. Es gibt ein Regulativ. Und selbst der Oberbürgermeister bekommt es zu spüren, wobei manche Kritiker übers Ziel hinaus geschossen sind und persönliche Angriffe unter der Gürtellinie gegen Haug gefahren haben. Das ist auch nicht okay. Sachliche Kritik muss der Oberbürgermeister aushalten. Da wird es auch nicht besser, wenn Haug argumentiert, warum sich alle Welt doch auf ihn einschieße, da ja auch andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Einladung von Kissel gefolgt seien. Doch so wenig, wie es auf der einen Seite Sippenhaft gibt, muss er auch dafür gerade stehen, dass er für sich als erster Bürger Solingens entschieden hat, dorthin zu gehen. Und damit ist auch nachvollziehbar, dass er auch mit seinen Taten gemessen wird an all seinen energischen Reden, die er gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gehalten hat.

(RP)
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