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Solingen: Keine Schockstarre im Handwerk

Solingen : Keine Schockstarre im Handwerk

Interview mit Roland Westphal, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, über die Wirtschaftskrise, offene Lehrstellen und die Erwartungen der heimischen Handwerker an das Konjunkturpaket.

Jeder zweite Industriebetrieb will Arbeitsplätze abbauen: Dies hat die Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer ergeben. Ist das Handwerk auch so krisengeschüttelt?

Westphal Die Industrie – insbesondere die Metallindustrie – hat in den zurückliegenden zwei, drei Jahren einen großen Aufschwung erfahren. Dieser Aufschwung, von dem alle bis zum September vergangenen Jahres gesprochen haben, ist bei uns im Handwerk nie angekommen. Außer in einigen industrienahen Betrieben hatte das Handwerk diesen Riesenboom nicht erlebt. Auf dem seit mehr als acht Jahren bestehenden niedrigen Niveau ist bei uns kontinuierlich weitergearbeitet worden, deshalb gibt es jetzt auch keinen Einbruch. Wir fallen nicht von einem hohen Niveau in den Keller, sondern bewegen uns weiterhin im Erdgeschoss und können nicht so tief fallen.

Dann ist von Kurzarbeit im Handwerk also keine Rede?

Westphal Die Handwerksbetriebe sind zur Zeit im Wesentlichen gut beschäftigt.

Mit einem Arbeitsplatzabbau ist also nicht zu rechnen?

Westphal Das erwarte ich im Moment nicht. Wir haben die Fachleute in den Betrieben; und die brauchen wir auch, um die Aufträge abwickeln zu können.

Wie sieht es bei der Zahl der Lehrlinge aus?

Westphal Wir werden weiterhin kontinuierlich ausbilden. Ich gehe davon aus, dass wir im wesentlichen die Ausbildungszahlen der vergangenen Jahre halten können werden. Es ist jedenfalls nicht erkennbar, dass die Betriebe jetzt in eine Schockstarre verfallen und nicht mehr ausbilden.

Wo werden denn noch Auszubildende gesucht?

Westphal Wir suchen junge Leute bei Bäckern, Fleischern, auf dem Bau und auch bei Tischlern. Bedarf besteht quasi in allen Bau- und Ausbauberufen. Wer einen ordentlichen Schulabschluss hat, kann hier auch einen Ausbildungsplatz bekommen.

Freie Lehrstellen beim Bau- und Ausbauhandwerk – ist die zupackende Arbeit zu unattraktiv für junge Leute?

Westphal Für Jugendliche ist es ganz offenkundig schwierig, greifbare Ziele zu finden. Deshalb geht man lieber weiter zur Schule oder begibt sich in Warteschleifen, als selbst Verantwortung zu übernehmen. Dabei haben viele Handwerksbetriebe das Problem, keinen Nachfolger für das Unternehmen zu finden. Wer jung und strebsam ist, hat hier Riesenchancen.

Noch vor den Sommerferien sollen die energetische Sanierung der August-Dicke-Schule und der Grundschule Gerberstraße über das Konjunkturpaket anlaufen – ein Auftragsvolumen von über zwei Millionen Euro. Haben Solinger Firmen schon Aufträge bekommen?

Westphal Meines Wissens sind noch keine Betriebe beauftragt worden. Hier unterscheiden wir uns nicht von anderen Städten. Wenn wir Glück haben, läuft das Ganze noch vor den Sommerferien an.

Wo sind die Knackpunkte beim Konjunkturpaket?

Westphal Knackpunkt ist die Frage der Größe der Lose. Schreibt man eine oder gleich mehrere Schulen zur Wärmedämmung aus – oder sogar direkt das ganze Paket an einen Generalunternehmer? Dann wäre das Solinger Handwerk draußen. Falls August-Dicke-Schule und Grundschule Gerberstraße zusammen abgehandelt würden, würde die Zahl der Firmen, die sich darauf bewerben könnten, deutlich sinken. Deshalb fordern wir kleine Lose, damit sich die heimische Wirtschaft auch tatsächlich an den Ausschreibungen beteiligen könnte.

Die Gefahr, dass zweifelhafte Firmen von weit her mit Dumpingpreisen den Zuschlag bei den Ausschreibungen bekommen, besteht aber dennoch?

Westphal Wir fordern deshalb, bei der Auftragsvergabe nicht nur den günstigsten Preis, sondern auch die Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Eine ortsansässige Firma, die seit Jahren zuverlässig arbeitet, kommt unterm Strich billiger als ein Anbieter hunderte Kilometer weit weg, der vielleicht nach kurzer Zeit vom Markt verschwunden ist, so dass keine Gewährleistung besteht.

Günter Tewes führte das Gespräch.

(RP)