Karneval in Solingen Narren erobern den Walder Schlauch zurück

Solingen · Stellvertretend für das närrische Weibsvolk nahm Jungfrau Marcy den Rathausschlüssel von Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach entgegen – und das erstmals seit Corona wieder in Wald. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

So bunt war die Solinger Weiberfastnacht im Walder Schlauch
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Die Jecken haben in Solingen das Sagen

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Foto: Martin Oberpriller

Nach kurzer Vorrede und ein bisschen Warmschunkeln war der wohl entscheidende Moment der Session gekommen. Zu fetziger Musik und begleitet vom Klatschmarsch der zahlreichen Jecken erklomm das Solinger Dreigestirn pünktlich um 11.11 Uhr die große Morgenpost-Bühne auf dem Walder Kirchplatz – wobei Prinz Philip I. (Zangerl), Bauer Thomas (Hilgers) und vor allem die Hauptperson an diesem Vormittag, Jungfrau Marcy (Marcus Vögler), sogleich zur Tat schritten.

Optisch anmutig wie eh und je, stimmlich aber eher eine Marlene Dietrich als eine Maria Callas, ergriff Marcy zuerst das Mikro für die Ansprache an die Möhnen und dann das Objekt der Begierde – den Solinger Rathausschlüssel, den ihre Lieblichkeit Jungfrau Marcy ohne große Gegenwehr des bisherigen Besitzers schließlich für die holde Weiblichkeit der Klingenstadt in Besitz nahm.

Oberbürgermeister Tim Kurzbach sträubte sich jedenfalls nicht. Und das hatte wiederum auch einen ganz speziellen Grund, wie der OB anschließend dem närrischen Volk zurief. „Nehmt ihn, und nehmt gleich alle Schulden mit“, rief das Solinger Stadtoberhaupt den mehreren hundert Jecken zu, die sich trotz Nieselregens an diesem Altweibervormittag im Walder Schlauch versammelt hatten.

Ein Gefallen, den die Narren dem Oberbürgermeister am Ende allerdings doch nicht tun wollten, obwohl der mit seiner notorisch leeren Stadtkasse geschlagene OB vorher keine Mühen gescheut hatte, den Schlüssel endlich loszuwerden. So hatte Tim Kurzbach den Schlüssel erstmals seit einigen Jahren eigens wieder von etwas weiter hergeholt. Denn nachdem die erste Auflage der Schlüsselübergabe nach der Corona-Krise im vergangenen Jahr noch am Rathaus in der Stadtmitte vollzogen worden war, läutete Solingen seinen Straßenkarneval an Altweiber 2024 wieder im Herzen von Wald ein.

„Das hat Tradition“, bekräftigte Thomas Graf, Präsident beim Höhscheider Karneval Verein, der einmal mehr die Organisation für die große Sause übernommen hatte – unterstützt diesmal von der 1. Sportvereinigung Solingen-Wald 03. Wobei es unter den Anwesenden durchaus auch Jecken gab, die gerne mit der Walder Tradition gebrochen hätten. „Eigentlich gehört so ein Ereignis direkt ans Rathaus, wo es 2022 war“, sagte beispielsweise Besucherin Petra Lanzinger.

Sie ist in jecker Hinsicht mit allen Wassern gewaschen – schließlich kommt sie eigentlich aus Köln und ist privat überdies mit Konstanz verbunden. Die Bräuche zu Karneval und Fastnacht in beiden Städten sind ihr also wohl vertraut. „Aber vergangenes Jahr hatten wir auch am Solinger Rathaus viel Spaß“, erinnerte sich die Karnevalsexpertin, die am Donnerstag zusammen mit Elke van den Höfel aus Langenfeld und der Solingerin Susanne Weidlich nach Wald gekommen war. Auch letztere schwärmte von Altweiber im Vorjahr. „Da haben wir neue Bekannte gefunden und einen sehr lustigen Tag verbracht“, sagte die Solingerin.

Das war der Altweiber-Auftakt in Solingen​
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Das war Altweiber 2023 in Solingen

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Foto: Alexander Riedel

So sollte es diesmal natürlich idealerweise auch sein – ungeachtet des ziemlich grauen Himmels zum diesjährigen Start in die heiße Phase des Karnevals. So hatte sich nämlich auch die Schiwa Tanzformation wettertechnisch auf alles vorbereitet. „I´m singing in the Rain“ hallte es zu ihrer Choreographie ebenso beschwingt über den Platz wie „Walking on Sunshine.“ Ersteres kam der Wahrheit im Solinger Nieselregen allerdings ein wenig näher.

Der Freude an der Sache tat das indes keinen Abbruch: Teils in Regencapes gehüllt, teils mit durchsichtigen Schirmen als Requisiten wirbelten die Tänzerinnen über die kleine Fläche vor der Morgenpost-Bühne und heimsten mit ihren Hebefiguren immer wieder begeisterten Szenenapplaus ein. „Anderswo auf der Welt haben die Menschen größere Sorgen als Regen“, rief folgerichtig auch Thomas Graf dem überwiegend weiblichen Publikum zu.

Das bildete eine bunte Mischung – nicht nur altersmäßig, sondern auch im Hinblick auf die Tracht: Neben Clowns und Waldfeen mit leuchtenden Ahornblättern mischte sich zum Beispiel eine Gruppe als kollektives „Schaumbad“ unter die Feierwütigen. Als „Sternschnuppen“ mit Glitzer im Gesicht stürzten sich wiederum Jutta Friedrich und ihre Clique ins Getümmel. „Ich bin hier groß geworden und habe lange hier gearbeitet“, sagte Friedrich. Zwar sei sie schon in Köln in den Straßenkarneval gestartet. Aber die Rückkehr des fröhlichen Treibens ins Herz der Heimat wollte Friedrich nicht verpassen.

Bevor sich die Hoheiten auf den Weg machten, um weitere jecke Untertanen zu besuchen, schritt Jungfrau Marcy unterdessen zur nächsten wichtigen Amtshandlung – dem Fassanstich auf der Bühne. Gefeiert wurde in Wald übrigens noch etliche Stunden, musikalisch begleitet von Dieter Montag. Und am Abend ging die Party für im Walder Stadtsaal weiter. „Da werden wir auch dabei sein“, verriet Jutta Friedrich. Die Schlüsselübergabe an Altweiber, verkündete übrigens Thomas Graf, soll in Zukunft wieder eine feste Heimat in Wald haben.

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