Jens Merten, Vorsitzender des VBE Solingen, zu 100 Jahren Grundschule

Interview Jens Merten : „Bildung braucht gute Bedingungen“

100 Jahre Grundschule: Für den Vorsitzenden des VBE Solingen ist das nicht nur ein Grund zum Feiern.

Der Verband Bildung und Erziehung hat Mitgliedern der Regierungsfraktionen anlässlich des Geburtstags das Heft „Denkanstoß Grundschule“ geschenkt. Was brennt dem VBE am stärksten unter den Nägeln?

Merten Unsere Gesellschaft und die Kindheit im speziellen haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Arbeitsschwerpunkte haben sich zum Teil massiv verschoben, sodass es die klassische Lehrerkraft, die nur für Wissensvermittlung sorgt, kaum noch gibt. Durch die Vielfältigkeit auf der einen und den massiven Personalmangel auf der anderen Seite sind die Belastungen ungemein gestiegen. Während im Wahlkampf immer wieder von der „weltbesten Bildung“ gesprochen wurde, erleben wir aktuell, dass damit keine ehrliche Priorität gemeint war. Bildung braucht gute Bedingungen und das kostet.

Das bedeutet, es geht um Finanzen?

Merten Jain. Uns ist bewusst, dass die aktuelle Situation schon vor vielen Jahren verursacht worden ist. Der Mangel ist auf lange Sicht noch da. Trotzdem ist auf Ebene der Landesregierung noch immer nicht angekommen, dass dringend nötige Verbesserungen innerhalb eines Systemsauch Geld kosten. Anfang des Monats sagte unser CDU-Landtagsabgeordneter Arne Moritz, dass die Arbeit eines Leistungskurslehrers anspruchsvoller sei als die eines Grundschullehrers und deshalb auch besser bezahlt werden müsse. Das zeigt, wie wenig unser Beruf und die Rahmenbedingungen politisch noch immer wertgeschätzt werden.

Zwei Beispiele: An Grundschulen gibt es die meisten Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Außerdem hatten 2017 vier von zehn Kindern eine Zuwanderungsgeschichte. Wie „normal“ kann da noch der Unterricht sein?

Merten Insgesamt ist die Schülerschaft heterogener und damit auch herausfordernder geworden. Natürlich benötigen gerade traumatisierte Kinder eine ganz spezielle Umgebung und Förderung. Auch die Kinder ohne deutsche Sprachkenntnis brauchen viele Ressourcen, die momentan kaum vorhanden sind. Natürlich hat das Einfluss auf die Klassen. Das alles entspricht dem Gedanken der Inklusion. Der angesprochene Personalmangel zeigt sich im Bereich der Sonderpädagogen allerdings noch deutlicher. Wenn man den Anspruch hat, den Kindern wirklich gerecht zu werden, bräuchte man definitiv die drei- bis vierfache Anzahl an Sonderpädagogen. Die VBE-Forderung lautet ganz klar: Pro Klasse im Gemeinsamen Lernen muss eine feste Sonderpädagogische Lehrkraft in der Doppelbesetzung sein.

Immer mehr Eltern scheinen die Schule als Verwahranstalt zu sehen und haben ihren Erziehungsauftrag längst abgegeben. Gewalt gegen Lehrkräfte ist selbst an Grundschulen keine Ausnahme mehr. Können die Pädagogen nur noch resignieren?

Merten Ich bin mir sicher, wenn die Lehrkräfte in den Grundschulen resignieren würden, hätte das ungeahnte Folgen für unsere Gesellschaft und unser Land. Das gilt aber natürlich für alle Schulformen. Wir müssen vielmehr ehrlicher sein und akzeptieren, dass Lehrkräfte heutzutage eine Vielzahl an Herausforderungen bewältigen müssen und dabei nicht jeder Baustein die oberste Priorität hat. Momentan arbeiten in Solingen alle Grundschulen an Projekten zu Themen wie z.B. Achtsamkeit oder Sozialkompetenztraining. Wertevermittlung steht fast überall ganz oben auf der Agenda – das kommt ja nicht von ungefähr. Schule ist auch ein Schutzraum für Schülerinnen und Schüler – aber auch für Lehrkräfte. Die körperliche und vor allem psychische Gewalt gegen Lehrkräfte ist noch immer ein gesellschaftliches und politisches Tabuthema. Meines Erachtens hat das viel mit der Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, dem Druck des heutigen Arbeitslebens, aber leider auch dem Werteverfall zu tun.

War es eine gute oder eine verzweifelte Idee, Lehrer der Sekundarstufe II an die Grundschulen zu holen, indem man ihnen eine Festanstellung an einer weiterführenden Schule versprach? Und wie zufrieden sind aus Ihrer Erfahrung die Seiteneinsteiger an Grundschulen?

Merten Ich sage immer, dass es eigentlich ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber jeder Tropfen hilft. Die Ausbildung für die Sek II ist definitiv anders und weniger auf Didaktik, Diagnostik oder individuelle Förderung ausgerichtet. Das müssen sich die Kolleginnen und Kollegen nun im laufenden Betrieb aneignen. Selbiges gilt für die Seiteneinsteiger, die sich zu großen Teilen gut in die Schulen integrieren. Man darf dabei jedoch nicht außer Acht lassen, dass basale Elemente der Lehrerausbildung fehlen und vieles auf der Strecke bleibt. Trotzdem muss man festhalten, dass gerade der Seiteneinstieg uns momentan an vielen Schulen halbwegs über Wasser hält.

Im Vergleich mit den anderen Schularten wird für die Grundschulen am wenigsten ausgegeben. Woher kommt die Geringschätzung?

Merten Die Situation wird noch immer als „historisch gewachsen“ bezeichnet. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. Gesellschaftlich ist man besser angesehen, wenn man Kinder zum Abitur führt. Dass das Fundament in den Grundschulen gelegt wird, übersieht man politisch gerne, denn mit kleinen Kindern kann offenbar ja jeder arbeiten. Trotz veränderter Lehrerausbildung, gleichlangem universitären Studium, gleichlangem Referendariat, trotz der Tatsache, dass alle Lehrkräfte heute Schlüsselqualifikationen vermitteln, Kinder mit und ohne Handicap unterrichten, Kinder mit Migrationshintergrund integrieren, ändert sich nichts an den Investitionen in Schulen und an der Bezahlung der Lehrkräfte. Aktuell kann man in Solingen sehr gut erkennen, wo die politischen Prioritäten der Parteien gesetzt werden.

War früher alles besser, als zu Volksschulzeiten noch das Lesen, Schönschrift und Auswendiglernen zum Curriculum gehörten? Gab es in jüngerer Zeit zu viele gescheiterte Experimente wie das Schreiben nach Gehör?

Merten Naja, ob früher alles besser war, möchte ich nicht beurteilen. Früher war alles langsamer, man hatte viel Zeit und Ruhe – innere Ruhe. Zudem sind die Lehrpläne immer weiter verdichtet worden, sodass wir mehr Lerninhalte in immer weniger Zeit und bei immer herausfordernderen Lerngruppen vermitteln. Die Reichen-Methode „Lesen durch Schreiben“ war in ihrer Ur-Form durchaus diskussionswürdig. Das, was in der Öffentlichkeit daraus gemacht wurde, hat aber nichts mit dem zu tun, wie unsere Schulen mit der Methode umgehen. Sie ist ein Element des Rechtschreibunterrichts. Keine Lehrkraft unterrichtet strikt nach diesem Konzept. Aber es ist einfach anzuprangern, da man so schnell einen Schuldigen für die sinkenden Schülerleistungen findet. Dass es allerdings sinkenden Kompetenzen der Schulneulinge und die immer schlechteren Rahmenbedingungen sind, die massive Auswirkungen auf die Rechtschreibentwicklung der Kinder haben, wird geflissentlich übersehen.

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