„Ich halte mich lieber an die alten Grenzen“

Mein Solingen: „Ich halte mich lieber an die alten Grenzen“

Ralf Rogge führt seit 15 Jahren das Stadtarchiv – und hat als Historiker eine eigene Meinung, ob es nun zu Höhscheid gehört oder nicht.

Es heißt, Höhscheid sei da, wo der Höhscheider sich zu Hause fühlt. Gehört für Sie als gebürtigen Gräfrather das Stadtarchiv zu Höhscheid?

Rogge Das hängt davon ab, was man als Grenze ansieht. Meistens meint man heute die Bezirkseinteilung Burg/Höhscheid. Persönlich halte ich mich lieber an die alten Grenzen, die von 1808 bis 1929 galten. Damals begann Höhscheid – von Solingen aus gesehen – an der Fritz-Reuter-Straße und der Glockenstraße, die früher einmal Grenzstraße hieß. Im Stadtarchiv an der Gasstraße sind wir eigentlich auf Dorper Gebiet, der ehemals größten Kommune, von der heute aber niemand mehr spricht.

Aber auch das alte Höhscheid hatte schon eine beträchtliche Größe.

Rogge Im Westen reichte Höhscheid bis zur Bonner Straße. Hackhausen gehörte ebenso zu Höhscheid wie Rupelrath. Die Nußbaumstraße bildete die Grenze zu Ohligs. Es war ein sehr längliches Gebilde, das es kaum schaffte, die Andeutung von einem urbanen Zentrum zu entwickeln. Höhscheid hatte die Probleme, die Solingen heute hat, wo die Einwohner sich eher als Ohligser, Walder oder Gräfrather fühlen. Höhscheid, das durch seine langen Straßen geprägt wurde, war so etwas wie ein Mantel für die Hofschaften.

Höhscheid hat die aufgehende Sonne in seinem Siegel. Es gab aber auch Zeiten, in denen nicht für alle Höhscheider eitel Sonnenschein herrschte.

Rogge Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ging es den von der Heimarbeit lebenden Höhscheidern recht gut. Als 1929 die Großstadt Solingen gebildet wurde, war Höhscheid aber das Armenhaus der fünf Gemeinden. Ein Grund war der schleichende Niedergang der Heimarbeit und die gleichzeitige stark zunehmende Bedeutung der Fabrikarbeit in der Schneidwarenindustrie. 1867 erhielten Ohligs und Solingen ihren ersten Bahnhof, zwei Jahrzehnte später Wald und Gräfrath. Um die Bahnhöfe entstanden Fabrikgürtel. Höhscheid blieb, abgesehen vom Bahnhalt Landwehr, ohne Bahnanschluss und damit auch weitgehend ohne moderne Fabriken. Die Höhscheider sahen lediglich, wie auf Dorper und Solinger Gebiet die Schornsteine in den Himmel wuchsen. 150 Jahre später ist das nicht unbedingt ein Nachteil: Höhscheid hat schöne Wohngebiete.

Und, wenn wir uns an die Grenzen des Bezirks halten, mit dem Stadtarchiv einen wertvollen Fundus, der nicht nur Historiker interessiert. Wer kommt zu Ihnen und warum?

Rogge Die Mehrzahl unserer Besucher ist männlich und im Rentenalter. Viele betreiben Familienforschung. Unsere Materialien in der zweiten Etage sind so aufbereitet, dass ein Interessent sie nach einer Einführung selbstständig nutzen und beispielsweise Fotos, Bücher oder Zeitungen ansehen kann. Diese Nutzung ist kostenlos. Wer aber Akten oder Standesamtsunterlagen benötigt, zahlt ein Entgelt für die Vorlage der magazinierten Dokumente. Wer Ergebnisse lieber von uns ermittelt haben möchte und etwa Anfragen per E-Mail schickt, zahlt aktuell für die Recherche 15 Euro pro Viertelstunde.

Wie viele Interessenten kommen denn noch persönlich zur Gasstraße?

Rogge Die realen Benutzerzahlen sind gesunken. 1987 waren es noch rund 3000 Besucher pro Jahr, heute sind es 1500 bis 1800. Das liegt auch daran, dass früher Schüler viel regelmäßiger das Archiv besuchen und an Projekten arbeiten konnten. Es kann daher gut sein, dass wir um die Jahrtausendwende herum einen größeren Bekanntheitsgrad in der Stadt hatten als heute.

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Muss sich das Stadtarchiv neu erfinden?

Rogge Ein stückweit, ja. Uns fehlen beispielsweise ein vernünftiger Veranstaltungsraum und Ausstellungsflächen. Den Archiven ist es auch noch nicht gelungen, dem Archivbesuch einen gewissen Event-Charakter zu verleihen, wie dies Bibliotheken schon erfolgreich zeigen. Dazu fehlt uns beispielsweise im Hause noch das WLAN.

Sonst entspricht das ehemalige Stadtwerke-Gebäude aber noch den Ansprüchen?

Rogge Wir haben Platzprobleme – wie fast alle Archive. Statt der 2000 Quadratmeter, die wir aktuell nutzen, brauchen wir in Zukunft 3000. Im Haus gibt es noch eine Reserve von 900 Quadratmetern. Ein Problem ist aber die Statik. Vor 30 Jahren sind wir mit 40 Tonnen eingezogen; mittlerweile dürften es über 100 Tonnen sein. Und weil wir ein lebendiges Archiv sind, solange die Solinger Stadtverwaltung existiert, werden in den nächsten Jahren auch oder gerade wegen der verstärkten Digitalisierung noch einige Kilometer Akten aus Papier hinzukommen. Wir hängen nicht an dem Standort Gasstraße. Ein Vorteil ist allerdings die Nähe zum Bahnhalt Grünewald. Nicht alle unsere auswärtigen Besucher kommen mit dem Auto.

Apropos Platzproblem: Muss man denn wirklich alles aufheben?

Rogge Ein typisches Missverständnis. Archivare heben nicht alles auf, sondern wählen die Materialien aus, die dauerhaft aus rechtlichen oder historischen Gründen aufbewahrt werden müssen – „für die Ewigkeit“, sagen wir mit einer gewissen Ironie. 95 bis 98 Prozent der laufenden städtischen Akten werden „kassiert“, weil sie nicht archivwürdig sind. Sonst wäre halb Solingen schon ein Archiv. Die nächsten Jahre werden für die Archive eine sehr spannende Herausforderung, weil das gesamte Aufgabengebiet ins digitale Zeitalter überführt werden muss. Selbstverständlich wird sich damit auch der Beruf des Archivars merkbar wandeln.

In welcher Liga spielt das Solinger Stadtarchiv nach ihrer eigenen Einschätzung?

Rogge Wir stehen im Vergleich zu unseren bergischen Nachbarn gut da. Entsprechend der Größe unserer Stadt sind wir ein Spitzenclub der 2. Liga mit sehr guten Aufstiegschancen.

Fred Lothar Melchior
führte das Gespräch

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