Solingen: Hüter alter Handwerkskunst in der Reiderei

Solingen: Hüter alter Handwerkskunst in der Reiderei

Seit 1906 werden in der Reiderei Lauterjung Taschenmesser hergestellt. Der Besuch in der Werkstatt gleicht einem Zeitsprung. Reidermeister August Scheidtmann und andere Unterstützer erhalten ein Stück Geschichte der Klingenstadt.

Von der Bushaltestelle Krahenhöhe ist es ein Katzensprung bis zur Reiderei Lauterjung. Alle zehn Minuten hält hier der 683-er Obus, eine Tankstelle und vorbeifahrende Autos vervollständigen das Großstadtgefühl. Nach dem Einbiegen in die Schaberger Straße wird es schon ruhiger, Vogelgezwitscher verdrängt den Straßenlärm, die alten Häuser sind gepflegt.

Spätestens auf dem Hof vor dem Fachwerkhäuschen mit der Nummer 16 ist der Zeitsprung vollzogen. Klein, beinahe winzig wirkt die Werkstatt mit den grün lackierten Fensterläden und der bergischen Tür, die seit mehr als 100 Jahren eine Taschenmesserreiderei beherbergt. "Eine Tür ist dann bergisch, wenn sie aus einem unteren und einem oberen Teil besteht, die unabhängig voneinander geöffnet werden können", erklärt Klaus Bieling, der die Werkstatt zum ersten Mal in diesem Jahr geöffnet hat. "So brachten Tiere keine Unordnung in das Arbeitszimmer des Fachwerkhauses, der Reider hingegen konnte ungestört mit seinen Nachbarn töttern."

Bielings Blick ist auf einen Monitor gerichtet, er nimmt so an einer virtuellen Führung durch die Welt des Taschenmessers teil. Moderiert wird der Film von Reidermeister August Scheidtmann, der das Häuschen an der Schaberger Straße regelmäßig zum Leben erweckt, wenn er in Workshops mit Kindern Taschenmesser zusammensetzt. Der Fernseher und ein wärmespendender Heizkörper sind das einzig Moderne in dem knapp 25 Quadratmeter großen Zimmer.

Die Umrisse des Raumes sind von Werkbänken gesäumt, Schraubstöcke, eine massive Bohrmaschine und allerhand Taschenemesserzubehör stehen auf den hölzernen Arbeitsplatten. In einem Regal stapeln sich Zigarettenschachteln der Marken "Sportstudent" oder "Handelsgold". Der Taschenmesserreider Arthur Lauterjung nutzte einst die Pappboxen als Ordnungshilfe. Denn Überbleibsel seiner Taschenmesseraufträge wurden nicht weggeworfen, sondern in diesen Kästchen gesammelt. Auf beiliegenden Zetteln vermerkte er in feinsäuberlicher Schrift, wie er mit den Resten vorgehen wollte. Bis 1969 spannte der Reider Messerklingen mit Federn, um sie danach auf rotierenden Pließscheiben zu polieren.

"Fühlen Sie mal", fordert Klaus Bieling auf. Dabei hat er ein Taschenmesser in der rechten Hand. Für einen Laien ist an dem Klappmesser nichts auszusetzten, es wirkt einsatzbereit für das nächste Picknick im Grünen.

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Der Solinger aber weiß es besser: "Sehen Sie doch, die scharfen Kanten hier, das muss erst noch zum Ausmacher", erklärt er. Während ein Reider die Klinge mit dem Heft des Messers verbindet, ist der Ausmacher für den Feinschliff verantwortlich. Beide Berufe sind in Solingen einzigartig.

Klaus Bieling setzt sich dafür ein, dass die Erinnerung an sie und den tüchtigen Taschenmesserreider Lauterjung nicht verblasst. Der 75-Jährige ist einer der Ehrenamtler, die es traditionsbewussten Besuchern ermöglichen, an jedem ersten Mittwoch im Monat einen Blick in die Reiderei zu werfen. Als Jugendlicher brachte Bieling seine stumpf gewordenen Messer hierher. Heute berät er selbst die Besucher der Werkstatt.

Wie Ulrike und Rainer Venekamp. Die beiden haben an diesem Tag ein 45 Jahre altes Küchenmesser mitgebracht. Der Klinge ist das Alter noch nicht anzusehen, doch der Holzgriff ist ziemlich aufgequollen, lange wird er nicht mehr halten. "Wenn der Griff erneuert werden kann, macht es das Messer noch 20 Jahre", davon ist Ulrike Venekamp überzeugt. Bieling schickt das Ehepaar zielsicher zum Solinger Hersteller des Messers.

Wegwerfgesellschaft ist für ihn und seine Gäste ein Fremdwort. Wie damals für Arthur Lauterjung.

(RP/EW)
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