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Holocaust-Gedenken in Solingen: Biographien gegen das Vergessen

Holocaust-Gedenken in Solingen : Stolpersteine gegen das Vergessen

Das Buch „Man soll mich nicht vergessen“ erinnert an Solinger Opfer der Nationalsozialisten.

Es sind 150 Biographien Solinger Bürger, die zur Zeit des Nazi-Regimes verfolgt wurden. Aufgeschrieben auf 330 Seiten. Lebensläufe von menschen, die verfolgt und zum Großteil ermordet worden sind. In Ausschwitz, in Theresienstadt, in Euthansie-Anstalten wie Hadamar. Weil sie Juden waren oder Sinti, Kommunisten oder Sozialisten, weil sie Widerstand gegen die Nazis leisteten oder als „Asoziale“ stigmatisiert wurden. Das zeigt das Buch „Man soll mich nicht vergessen“, das gestern am Ausschwitz-Gedenktag vorgestellt wurde.

Geschrieben hat das Buch Armin Schulte. Der Historiker arbeitet seit über 15 Jahren zusammen mit dem Stadtarchiv die NS-Geschichte Solingens auf. Aufgrund seiner Nachforschungen konnten in den letzten Jahren die Stolperscheine im Solinger Stadtgebiet eingesetzt werden. „Wir stehen vor einer Zeitenwende“, sagt Schulte, „es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen.“ Deswegen sei es umso wichtiger, die Geschichten der Menschen zu erzählen.

Schulte macht das mithilfe von Akten aus dem Stadt- oder Landesarchiv, aber auch anhand der Erzählungen von Nachfahren. „Es gibt eine gute Archivsituation in Solingen“, sagt er. Viele der Dokumente sind noch erhalten, vor allem die Wiedergutmachungsakten seien sehr hilfreich. Und es gibt auch zu fast jedem Namen im Buch eine Geschichte. Belegt mit Quellenangaben.

Im Buch findet sich zum Beispiel die Biographie von Helene Krebs, am 12.September 1906 als Helene Berg in Langenfeld geboren und jüdischen Glaubens. 1933 heiratet sie den Solinger Paul Krebs, damit ehelicht sie nicht-jüdisch. Das Paar wohnt in Ohligs. 1942 wird Helene Krebs festgenommen und nach Ausschwitz deportiert. Am 3. Januar 1943 ermorden sie die Nazis. Sie war hochschwanger.

Da ist auch Tilde Klose, am 12.Dezember 1892 in Solingen geboren. Ihr Vater war der Direktor der Solinger Gas- und Wasserwerke. 1931 tritt sie in die KPD ein, beteiligt sich aktiv am Widerstand. 1935 verhaften sie die Nazis, verurteilen sie zu vier Jahren Zuchthaus. Als die Zeit abgesessen hat, stecken die Nationalsozialisten sie in Schutzhaft. Sie wird in das Frauen-KZ in Ravensburg deportiert. Dort erkrankt sie an Tuberkulose, gilt als nicht mehr arbeitsfähig und wird 1942 nach Bernburg an der Saale deportiert, in eine „Heil- und Pflegeeinrichtung“, die von den Nazis in eine Euthanisie-Anstalt umgewandelt wurde. Die Nazis ermorden sie mit Lkw-Abgasen.Und da ist Jakob Reinhardt, 1908 geboren. Seit 1936 lebt der Sinti mit seiner Frau und den sechs Kindern in der Potshauser Straße 10. Ab 1939 wird er mehrfach zur Wehrmacht eingezogen, infolge des „Ausschwitz-Erlasses“ werden 1943 alle 59 Solinger Sinti nach Ausschwitz deportiert, darunter auch die Familie Reinhardt. Alle sechs Kinder, Jakob Reinhardts Frau Luise und sein Vater Peter Otmar sterben dort. Jakob Reinhardt überlebt. Er wurde als „arbeitsfähig“ eingeschätzt, die Nazis deportieren ihn erst nach Ravensburg, dann nach Sachsenhausen, er muss mit der Waffen-SS gegen die Sowjetarmee kämpfen, kommt in russische Kriegsgefangenschaft und wird Ende 1945 entlassen. Jakob Reinhardt lebt bis zu seinem Tod im Jahre 1975 in Solingen. Ohne seine Familie.Die Biographien geben den Namen auf den Stolpersteinen in Solingen ein Gesicht. Deswegen hat das Buch auch den Untertitel „Stolpersteine in Solingen. Schicksale 1933-1945“. Für 120 der 150 Personen im Buch liegen schon Stolpersteine im Stadtgebiet, die 30 weiteren wurden neu recherchiert. Armin Schultes Buch soll auch „einen Auftakt für die geplante Max-Leven-Gedenkstätte bilden“, sagt Ralf Rogge, der Leiter des Stadtarchivs.„Es gibt keinen Schlussstrich, wir müssen daran erinnern“, sagte Oberbürgermeister Tim Kurzbach bei der Buchvorstellung. Es sei eine natürliche, menschliche Reaktion, zu verdrängen, fügte Kurzbach noch an. „Doch wir dürfen nicht verdrängen. Es waren nicht nur Nazis. Es waren Bürger, auch Solingerinnen und Solinger“, so der Oberbürgermeister.

„Man soll mich nicht vergessen“ bildet nicht das Ende der Aufarbeitung der Solinger NS-Geschichte. „Es gibt noch viel mehr Geschichten, die in den Akten stehen“, sagt Schulte. Die will er aufarbeiten. Damit die Menschen dahinter nicht vergessen werden.