Heinz Gerd Richartz erinnert sich an die Anfänge der Großstadt Solingen

Heinz Gerd Richartz erinnert sich an die Anfänge der Großstadt Solingen: „Du bist kein Solinger, du bist ein Ohligser“

Heinz Gerd Richartz kam 1930, ein Jahr nach den Eingemeindungen vor 90 Jahren, zur Welt und erzählt von den Anfängen als Großstadt.

In Ohligs geboren und aufgewachsen, in Ohligs zur Humboldtschule und zur Arbeit gegangen. „Ich bin ein Ohligser“, sagt Heinz Gerd Richartz – und korrigiert sich sofort: „ein rheinischer Ohligser.“ Die Bezeichnung „Solinger“ kommt ihm nicht über die Lippen, obwohl er zeitlebens offiziell ein Bürger der Klingenstadt ist. Denn als Richartz 1930 das (Ohligser) Licht der Welt erblickte, war die vor 90 Jahren beschlossene Eingemeindung der bis dato eigenständigen Stadtgemeinde Ohligs bereits vollzogen.

„Das habe ich von meinem Großvater“, erklärt Richartz den Umstand, dass er sich nicht zu seinem im Ausweis eingetragenen Geburtsort bekennen mag. Der Opa, Heinrich Cleven, „hat immer gegen die Vereinigung gekämpft“, erzählt der Enkel. Cleven war ein leitender Angestellter der Firma Olbo und habe seinem Enkel von Kindesbeinen an einen Satz eingeprägt: „Du bist kein Solinger, du bist ein Ohligser.“

So hat Richartz die Entwicklung Solingens, das durch die Eingemeindungen zur Großstadt geworden war, stets aus der Ferne – aus Ohligser Sicht – verfolgt. Nur zwei Jahre lang, als er während seines Studiums in Köln gewohnt hat, musste sein Blick dafür noch etwas weiter in die Ferne schweifen. Doch selbst in dieser Studienzeit galt für den Wirtschaftswissenschaftler im Gespräch mit anderen Studenten ein Grundsatz: „Wenn ich von Solingen gesprochen habe, dachte ich immer an Ohligs.“

Nach Solingen hat es Richartz nur selten verschlagen. Als Kind, so erinnert er sich, habe er nach dem zweiten Flieger-Angriff nach Solingen fahren müssen, „um Milchtransporte zu machen“, sagt er. Dennoch sieht er selbst die Schrecken des Weltkriegs vor allem aus Ohligser Perspektive: „Hier sind zwar auch Bomben gefallen, aber es gab kaum schwere Schäden. Deshalb ist in Ohligs noch so viel erhalten.“

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Ein Haus in Solingen hat er allerdings gerne und freiwillig besucht: den alten Konzertsaal. Als Kunst- und Musikliebhaber war er dort häufiger Gast. Daraus ist seine enge Verbundenheit mit den Bergischen Symphonikern entstanden. Die hielt auch noch an, nachdem der Konzertsaal 1957 abgebrannt war. In diese Zeit fielen auch seine Hochzeit (1958) und die Geburt des ersten Kindes (1959), dem noch zwei weitere folgten.

Auch beruflich stand in diesen Jahren eine große Veränderung an. 1958 ist er ins Familienunternehmen, die Taschenmesserfabrik Richartz, eingestiegen. Aus dieser Zeit stammt ein weiterer Grund dafür, dass Richartz nicht mit Solingen warm geworden ist: „Anfangs durften wir nicht ,Made in Solingen’ auf unsere Produkte schreiben. Die Stadt wollte mit dem Solingen-Gesetz vor allem ihre alten Handwerksbetriebe schützen. Wir hatten unsere Produktion aber schon größtenteils auf industrielle Maschinen-Fertigung umgestellt“, erzählt der bald 89-Jährige.

Ob dies eine Retourkutsche dafür war, dass Ohligs durch den Bahnhof einen stärkeren wirtschaftlichen Aufschwung genommen hatte als der Rest der Stadt, mag Richartz nicht beurteilen. Sicher ist sich er aber, dass seine Stadt, also Ohligs, durch den Eisenbahnanschluss zu einer Einpendler-Stadt geworden war. Aus der näheren und weiteren Umgebung kamen die Menschen dadurch leichter und schneller an ihren Arbeitsplatz. Im Rest der Stadt setzte diese Entwicklung erst später ein, als Richartz bereits die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatte.

„Bremshey hatte damals noch mehr als 900 Mitarbeiter“, erinnert sich Richartz an die Zeiten, als in den Ohligser und Solinger Unternehmen verstärkt ausländische Mitarbeiter aus Südeuropa und der Türkei angeworben wurden. Diese Entwicklung hielt bis in die frühen 70er Jahre an, die Richartz allerdings mit einem anderen, persönlichen Erlebnis verbindet: 1973, bei einer Studienreise nach Japan, hat der Pilot bei einer Zwischenlandung im indischen Bombay den Flughafen verpasst und musste auf einem Sportflugplatz notlanden. „Es gab viele Verletzte, aber zum Glück keine Toten“, erzählt Richartz.

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