Gutachter plädiert im Solinger Kindsmord-Prozess für Jugendstrafrecht

Urteil am Freitag erwartet : Gutachter plädiert im Solinger Kindsmord-Prozess für Jugendstrafrecht

Jugendstrafe oder Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht ? Es ist die Aufgabe der Jugendgerichtshilfe, dazu eine Empfehlung abzugeben. Im Fall des zu Tode gequälten zweijährigen Mädchens haben sich die Gutachter schwer getan.

Üblicherweise ist die Sache klar: Wer gerade mal 18 Jahre alt ist, so wie der wegen Kindsmord an einem zweijährigen Mädchen angeklagte Lebensgefährte der Mutter des Kindes, bekommt eine Jugendstrafe.

So einfach wollten es sich die Mitarbeiter der Solinger Jugendgerichtshilfe, die den Prozess verfolgt hatten, nicht machen. Beide kennen den Angeklagten schon seit mehreren Jahren. Es gab bereits zwei Haftstrafen wegen Raubes und Körperverletzung. Nicht bekannt waren bislang offenbar alle Details der umfangreichen Jugendamtsakte des jungen Mannes, der nach der Trennung der Eltern eine Odyssee durch Kinderheime und Erziehungsanstalten hinter sich hat. Darüber wollte eigentlich gestern der psychiatrische Gutachter sprechen, dann kam zuvor noch schnell vom Verteidiger der Antrag auf den Ausschluss der Öffentlichkeit. Über den wiederum konnte nicht entschieden werden, weil dem Gericht wesentliche Unterlagen fehlten.

Um am Freitag die angekündigte Urteilsverkündung auch realistisch erscheinen zu lassen und nicht in die Verlängerung gehen zu müssen, wurde am mittlerweile achten Verhandlungstag das Gutachten der Jugendgerichtshilfe vorgezogen. „Wir wissen nicht, wo in diesem Fall das Ziel der Erziehungsmaßnahme liegen soll“, brachte Peter Morschhäuser seine Zweifel zum Ausdruck. Mal eben so das Jugendstrafrecht durchwinken – dass könne und wolle man in diesem Fall nicht machen.

„Die Biografie des Angeklagten ist eine lange Geschichte des Scheiterns“, so der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe. Angefangen habe das in dessen Kindheit, nachdem sich die Eltern getrennt haben und der Angeklagte ins Heim gekommen sei. Fortan habe sich ein Heimaufenthalt an den nächsten gereiht. Es habe Unterbringungen in heilpädagogischen Einrichtungen und im Benninghof in Mettmann gegeben, wo Menschen mit geistiger Behinderung untergebracht sind. Der Angeklagte sei weggelaufen, es habe Aggressionen gegen Mitarbeiter gegeben. All das habe zu einem Leben voller Brüche und stetig scheiternder Neuanfänge gegeben. Schulbesuche seien abgebrochen worden.

Nach der letzten Haftentlassung habe eine vom Jobcenter angeordnete, psychologische Untersuchung ergeben, dass der junge Mann nicht arbeitsfähig sei. Hinzu kämen die intellektuellen Einschränkungen des 18-Jährigen, die es ihm möglicherweise auch schwer machen, sich in normalen Strukturen zurechtzufinden und an Krisen zu wachsen. „Er ist ein Straßenkind, das gelernt hat, sich in diesem Umfeld durchzuschlagen“, fasst Peter Morschhäuser seine Eindrücke zusammen. Wo also könne man ihn noch unterbringen, den Erziehungsgedanken, der einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht innewohnt? Aus Sicht der Jugendgerichtshilfe allenfalls dort, wo man einem so jungen Menschen ein mögliches Entwicklungspotential nicht gänzlich absprechen kann und darf. Nur deshalb plädierte die Jugendgerichtshilfe vor der für Freitag angekündigten Urteilsverkündung dennoch für die Anwendung des Jugendstrafrechts.

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