Solingen: Gut gegen Pest und Cholera

Solingen: Gut gegen Pest und Cholera

Der Solinger Matthias Gerschwitz hat ein Buch über eines der ältesten Markenartikels Deutschlands geschrieben, Bullrich-Salz. Lektoriert hat es sein ehemaliger Deutschlehrer am Humboldtgymnasium.

Das Schlüsselerlebnis hatte Matthias Gerschwitz, als er den Dokumentarfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ von 1927 anschaute. In der 31.Minute läuft eine Werbetruppe für Bullrich-Salz vor dem Anhalterbahnhof auf und ab, und das erinnerte den in Berlin lebenden Solinger an eine Zeit, in der er für die Firma, die das mittlerweile 180 Jahre alte Produkt produziert, Werbung machte. Der gute Kontakt zum ehemaligen Arbeitgeber war noch da, das Firmenarchiv stand Gerschwitz offen und die Arbeit für ein ebenso ungewöhnliches wie spannendes Buchprojekt begann.

Im Selbstversuch hat der Apotheker August Wilhelm Bullrich entdeckt, dass Natriumbicarbonat Sodbrennen viel schneller und verträglicher beseitigt als die bis dahin verordnete Schlämmkreide. Doch mit dieser segensreichen Wirkung allein gibt sich der Apotheker nicht zufrieden, er wähnt sich gar in dem Glauben, er habe ein Allheilmittel gegen Pest, Cholera und andere verhängnisvolle Krankheiten gefunden zu haben. Diese Form des Selbstbewusstseins brachte ihm Ärger mit dem Berliner Stadtphysikus, den er ebenso wie weitere Höhen und Tiefen überstehen sollte.

„Die Geschichte eines der ältesten Markenartikel liest sich spannend wie ein Krimi, haben mir die ersten Leser meines Buches bestätigt“, erzählt Matthias Gerschwitz im Gespräch mit der Morgenpost. Der 1959 geborene und in Solingen aufgewachsene Marketing-Fachmann ist bei den Recherchen für sein Buch auf Erstaunliches gestoßen. So war der als „Sudel-Ede“ berüchtigte DDR-Fernsehjournalist Karl Eduard von Schnitzler weitläufig mit der Bullrich Familie verwandt, in der es alles gab, was heute taugen würde für eine Seifenoper: Familienfehden, Streit ums Erbe, Betrug, Mobbing, Beleidigungen, Klagen um Patente und Vermögenswerte bis hin zum Mord.

Ein ganzes Kapitel ist auch den unvergessenen Werbereimen für das Produkt, das reines Natriumhydrogencarbonat ist , auch als Natron bekannt. der wohl bekannteste aber auch der umstrittenste Reim ist folgender: „So nötig wie die Braut zur Trauung ist Bullrich-Salz für die Verdauung“. Gerschwitz beschreib in seinem Buch Proteste von linken Parteien und Frauenverbänden, nachdem der Werbevers in den 80-er Jahren in Berliner U-Bahnen auftauchte. Von Sexismus und Frauenfeindlichkeit war in Briefen an die Firmenleitung die Rede. Gerschwitz zitiert einige der kuriosesten Zuschriften und listet außerdem die übrigen Bullrich-Werbeverse auf wie zum Beispiel „Nach Spickaal, Leberwurst und Schmalz verlangt der Körper Bullrich-Salz“.

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Eine wahre Fundgrube ist auch das Kapitel der Tipps, was man mit dem Produkt sonst noch alles anstellen kann, zum Beispiel die Haut glätten, wenn man viel abgenommen hat oder störenden Uringeruch aus Teppichen entfernen.

Noch heute gibt es das 180 Jahre alte Produkt in der charakteristischen blau-weißen Dose in jedem Drogeriemarkt. Und preiswert ist das Allheilmittel auch noch: 250 Gramm Pulver kosten 1,50 Euro.

Bullrich-Salz: Marke – Mythos – Magensäure von Matthias Gerschwitz, im Buchhandel und Online-Buchhandel (ISBN 978-3-8334-8222-9). 228 Seiten, 180igen Abbildungen, 19.90 Euro.

(RP)
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