Getaway Solingen: Das war die letzte Party in der Kultdisco

Kult-Disco schließt endgültig: So feierte Solingen den letzten Abend im Getaway

Mit einem "Älternabend" endete in der Nacht zum Sonntag eine Ära: Das "Getaway" in Solingen-Ohligs lud zur letzten Party - nach fast 40 Jahren ist Schluss. Zum Abschied war die Kult-Diskothek noch einmal komplett gefüllt. Feiernde aus mehreren Generationen rockten bis in den Morgen.

Ein letztes Mal drehen sich die Discokugeln und reflektieren das bläuliche Scheinwerferlicht. Ein letztes Mal wabert der Nebel über die Tanzfläche und zwingt manch einen Gast zu einem leichten Hüsteln. Zum letzten Mal animieren 80er- Helden wie "Camouflage" und "Bronski Beat" oder auch die Rock-Haudegen "Deep Purple" zum Mitsingen, Tanzen oder zumindest wohligem mit dem Fuß Stampfen.

Die letzte Nacht im Getaway – oft war sie in den vergangenen Monaten beschworen worden. Nun ist sie da. "Heute Morgen kam bei mir schon so etwas wie Wehmut auf", gesteht Werner Kegel. Den 50-Jährigen hat die Diskothek im Solinger Stadtteil Ohligs über fast Zweidrittel seines Lebens begleitet: "Als Jugendlicher bin ich mit Freunden runter nach Glüder getrampt", erinnert er sich.

"ÄlternAbend" für Musikfans zwischen "25 und 81 Jahren"

Im Frühjahr 1980 hatte die damalige Rock-Disco unweit der Wupper erstmals ihre Pforten geöffnet – und sich schnell zu einer Institution entwickelt. Auch nachdem der Pachtvertrag am Ursprungsort nicht verlängert worden war, schrieb das "Get" ab 1992 am neuen Standort in der ehemaligen Beckmann-Brauerei an der Kottendorfer Straße weiter Party-Geschichte. "Als die Disco nach Ohligs umgezogen war, habe ich hier das erste Mal "Rage against the Machine" und "Nirvana" gehört", erinnert sich Gast Peter Wienhöfer (46), der ebenfalls bereits zu Glüder-Zeiten den ersten Kontakt zum Getaway geknüpft hatte.

Während beim allerletzten "ÄlternAbend" für Musikfans zwischen "25 und 81 Jahren" die ersten Besucher die Tanzfläche entern, treffen sich eine Etage darüber an der Bar langjährige Weggefährten – und schwelgen in Erinnerungen: "Bei einem Konzert von den "Bates" in den 90ern", blickt Martin Barczewski zurück, "gab es eine kuriose Szene mit dem damaligen Türsteher." Der sei von einem Mitglied der Rockband von der Bühne gestoßen worden, nachdem er versucht hatte, Zuhörer am "Stage Diving" zu hindern.

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Wieso das Getaway letztlich schließen musste

Live-Auftritte gehörten stets zum Programm der Disco. Barczewski selbst trat hier als Bassist der Band "Italian Stallions" auf. "Das war etwas ganz Besonderes", betont er. Formationen wie die "Fantastischen Vier" gastierten im alten Brauerei-Gebäude genauso wie Sänger Roger Chapman. In dessen Vorprogramm spielte unter anderem Markus Karschöldgen mit der Gruppe "Musixx & the Crazy Hornzz". "Mir gefielen hier immer die Musik, die eben vom Alltäglichen des Radios abwich, und das angenehme Flair", sagt der 47-Jährige. "Eigentlich bietet das Get drei Lokalitäten in einem", ergänzt Martin Barczewski mit Blick auf die Aufteilung zwischen Großraum-Disco, Cocktailbar und Theke in der Nähe des Eingangs.

Dort sammeln sich im Verlauf des Abends immer mehr Gäste: Die letzte Veranstaltung im "Get" ist natürlich ausverkauft – schon seit Tagen. Überhaupt hat der Besucherandrang, seitdem die Schließung der Disco bekanntwurde, noch einmal angezogen. Den Entschluss von Betreiber Jürgen Ries, den auslaufenden Mietvertrag nicht zu verlängern, konnte dieser nicht untypische Reflex vieler Gäste indes nicht mehr ändern. "Es wurde immer schwieriger, den Laden über mehrere Tage im Monat voll zu kriegen", sagt der 60-Jährige zum Rückzug vom Geschäft. In den vergangenen Monaten konnten sich Besucher donnerstags im Rahmen eines Trödels Andenken sichern – vom Toilettenspiegel bis zu diversen Hinweisschildern.

Auf den ersten Blick ist beim letzten "Ältern Abend" mit DJ Olli – abgesehen von den vielen Medienvertretern auf der Jagd nach Interviews – vieles wie sonst: Ausgelassene Stimmung herrscht auf der Tanzfläche und an der Theke: Die Mitglieder der Fußball-Hobbymannschaft der Partylocation tragen deren Namen auf der Brust – unter ihnen auch Karim Riffi: Der 44-Jährige, der zeitweise auch im Getaway mitarbeitete, erinnert sich noch genau an den Abschied vom ersten Standort in Glüder: "Den letzten Abend habe ich dort auf Krücken verbracht, nachdem mich Freunde mit frisch operiertem Kreuzband von zu Hause abgeholt hatten."

Wie unwirklich der Gedanke an das endgültige Aus der Kult-Disco in diesen fröhlichen Stunden erscheint, verdeutlicht Karim Riffi kurz darauf: "Ich kann mir schwer vorstellen, nicht mehr die Option zu haben, in Jürgens Getaway zu gehen."

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