Geierwally im Solinger Kunstmuseum

Ausstellung : Die Erhabenheit der Bergwelt

Im Kunstmuseum wurde gestern die Ausstellung „Die Geierwally und der Berg in der zeitgenössischen Kunst“ eröffnet.

Als der Solinger Unternehmer Thomas Busch (Walbusch) vorschlug, aus Anlass seines 80. Geburtstages dem Kunstmuseum eine Ausstellung zu schenken, musste Gisela Elbracht-Iglhaut nicht lange überlegen, was sie dem Mäzen dafür vorschlagen würde. „Es war schon immer ein Traum von mir, das Bild ,Selbstportrait im Adlerhaus’ von Anna Stainer-Knittel nach Solingen zu holen“, erzählt die stellvertretende Direktorin des Museums. Anna Stainer-Knittel? „Als Malerin fast vergessen und kaum bekannt, doch als die fiktive Figur der Geierwally weltbekannt – war sie doch Mittelpunkt zahlreicher Bücher, Verfilmungen, Opern und Motiv unzähliger Darstellungen“, löst Elbracht-Iglhaut das Rätsel. Damit auch, welcher persönlicher Bezug zur Malerin besteht: „Ich bin mit der Familie privat bekannt, stand schon als junges Mädchen oft im Wohnhaus von Stainer-Knittel in Tirol vor dem ,Selbstportrait im Adlerhorst’.“

Die Schau im Kunstmuseum, die bis zum 23. Juni in den Räumen für Wechselausstellungen zu sehen ist, zeigt erstmalig in Deutschland Werke von Anna Stainer-Knittel aus Privatbesitz. Die Landschaften, Portraits und Blumenstillleben werden in der Ausstellung ergänzt durch autobiografische Aufzeichnungen und Briefe der Künstlerin. Alles wird in einen Dialog gestellt mit fünf Positionen der Gegenwartskunst, die sich mit der Darstellung des Mythos Berg im 21. Jahrhundert auseinandersetzen.

Alle fünf Künstler – Sven Drühl, Rainer Eisch, Birgit Jensen, Hiroyuki Masuyama und Heike Weber – weisen jedoch nicht nur einen Bezug zum Thema, sondern auch zur Klingenstadt auf: „Alle fünf waren am Anfang ihrer Karrieren Teilnehmer der Bergischen Kunstausstellung.“ Elbracht-Iglhaut erzählt, dass sie bei ihrer Recherche nach Positionen davon überrascht wurde, „wie viele Künstler sich aktuell mit dem Thema Berg-Landschaften beschäftigen. Ich hätte weit mehr zeigen können, doch ich wollte mich auf fünf Positionen beschränken.“ Abwechslungsreiche Positionen, darf man ergänzen, denn gezeigt werden Werke in den Medien Malerei, Skulptur, Film, Fotografie und Installation.

Eine Berglandschaft-Skulptur und Berggipfel-Malerei von Sven Drühl. Foto: Tesch, Michael

Heike Weber zeigt ein ortsbezogenes Wandrelief, bestehend aus den für die Kölnerin typischen Materialien: rote Wäscheleine wird über Nadeln gespannt. „So entsteht eine schwebende Zeichnung einer fiktiven Bergkulisse“, so Elbracht-Iglhaut.

Monumental sind die in Leuchtkästen präsentierten Berglandschaften von Hiroyuki Masuyama. Der Künstler bildet die Landschaft jedoch nicht einfach fotografisch ab, sondern Masuyama montiert digital Hunderte von Aufnahmen zu faszinierenden Bergpanoramen.

Bei der Pressevorstellung noch in Arbeit: das Wandrelief von Heike Weber. Foto: Tesch, Michael

Sven Drühl dagegen remixt und transformiert in seiner Malerei Gemälde der Kunstgeschichte und zeitgenössischen Kunst. In seinen Bergmotiven zitiert Drühl Vorbilder wie Ferdinand Hodler oder Caspar David Friedrich.

Rainer Eischs synthetische Film-Panoramen entstehen am Computer. Er konstruiert mit Hilfe eines 3-D-Grafikprogramms und einer Trickkamera erfundene Landschaften als bewegte Bilder, gezeigt in einem virtuellen Flug.

Birgit Jensens Bergansichten basieren auf einer Vermischung von fotografischen und malerisch-grafischen Informationen. Sie resultieren aus einem Spiel mit den optischen Effekten von Textur und Rasterpunkten.

Alle fünf Positionen setzt Gisela Elbracht-Iglhaut in Bezug mit den Werken von Anna Stainer-Knittel. Geboren 1841 in Tirol wurde sie 1859 als einzige Frau in München an der dortigen Vorschule der Akademie aufgenommen. Knittel verbringt drei Studienjahre in München, wo sie den Grundstein ihrer Karriere als Portraitmalerin legt. Zurück im Lechtal ereignet sich die Begebenheit, die Knittel zu einer Berühmtheit macht. Sie lässt sich am Seil an einer Felswand zu einem Adlerhorst herab, um ihn auszuheben und so Kälber und Lämmer vor den Raubvögeln zu schützen. Da kein Bursch sich das zutraute, war eben Anna „der Mann dazu“. Ein Text von Ludwig Steub über dieses Ereignis inspirierte Wilhelmine von Hillern zu ihrem Erfolgsroman „Die Geier-Wally“, der als Vorlage zu Theaterstücken, Filmen und sogar einer Oper („La Wally“ von Alfredo Catalani) diente.

Anna Knittel verlobt sich 1877 mit Engelbert Stainer, der in Insbruck einen Laden für Gipsfiguren, Skulpturen und Madonnen führt. Anna Steiner-Knittel bemalt nun Gebrauchs- und Ziergegenstände sowie Bilder, die sie in dem Laden an Touristen verkauft. Ihr Stil war stets an den Geschmack der Käufer angelehnt. Die Malerin stirbt im Februar 1915 mit 74 Jahren an einer Lungenentzündung. Zeitlebens hat Stainer-Knittel betont: „Ich bin nicht die Geierwally.“

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